Eine spannende Frage, die ich in der Lerncoach-Ausbildung stelle, wenn wir uns dem Thema Motivation widmen. Sie wird zum Teil konträr diskutiert. Meine Antwort lautet stets: „Jein.“ Hier meine Sichtweise, mit der ich zum Weiterdenken einladen.

EXTRINSISCHE MOTIVATION

Bei der extrinsischen Motivation folgen Menschen äußeren Reizen und Faktoren. Entweder streben sie nach Belohnung oder positiver Bewertung z.B. Noten. Auch die Vermeidung von Bestrafung und negativen Bewertungen sowie Scham- und Schuldgefühle kann zum Erfüllen von Aufgaben antreiben. Man spricht dann von fremdbestimmter Motivation.

Durch die Schulpflicht handelt es sich bei schulischer Motivation im psychologischen Sinne per se um eine fremdbestimmte Motivation. Einerseits wird im herkömmlichen Schulsystem die extrinsische Motivation gefördert und gleichzeitig wird von den Lernenden eine hohe Eigenmotivation (intrinsisch) erwartet. Was für eine Widersprüchlichkeit.

Dann gibt es noch zwei weitere Formen der extrinsischen Motivation. Die Anpassung („Das machen alle so.“) oder Einsicht in eine Notwendigkeit („Ich muss das tun, damit ich mein Ziel erreichen kann.“) entstehen durch äußere Impulse oder Einflüsse, die zu eigenen Motiven gemacht werden. Dies wird als identifizierte Form der extrinsischen Motivation bezeichnet.

Motivation_Kann man einen anderen Menschen motivieren?_Lerncoach-Profibox_Farida Tlili_Online-Lerncoach-Ausbildung

Von integrierter Motivation spricht man, wenn „notwendige Handlungen“ wiederholt und anschließend zur Gewohnheit in das Leben integriert werden.

Sowohl die identifizierte wie auch die Integrierte Form, nennt man in der Psychologie selbstbestimmte extrinsische Motivation.

INTRINSISCHE MOTIVATION

Die intrinsische Motivation dagegen folgt einer Neugier, einem persönlichem Interesse, Neigungen, Vorlieben, Fähigkeiten und Werten. Die Person hat Spaß am Tun, Entdecken und Lernen. Tätigkeiten werden aus eigenem Antrieb vorgenommen. Die Wichtigkeit der Handlung oder ein Ziel sind dabei nebensächlich oder sogar bedeutungslos. Das Tun an sich erfüllt ein Bedürfnis und einen Sinn für die ausführende Person.

Eigenmotivation kommt von innen heraus und entsteht nur dann,
wenn keine Erwartung und kein Leistungsdruck im Weg stehen!

EINFLUSS DER MOTIVATIONSSTUFEN

Von welcher Motivationsstufe aus jemand handelt, hat Einfluss auf dessen Kreativität, Denkvorgänge (kognitive Flexibilität) und Leistungen.

Nehmen wir als Beispiel die 5. Prüfungskomponente im Abitur. Eine Schülerin, die ein Präsentations-Thema wählt, nur um die Prüfung hinter sich zu bringen, wird in der Vorbereitung und Durchführung nicht so kreativ und engagiert sein, wie ein Schüler, der ein Thema nimmt, für das er brennt und das ihn seit klein auf interessiert.

Das Ergebnis hängt also davon ab, von welcher Motivations-Stufe aus jemand agiert. Deshalb blühen einige Schüler*innen in der Ausbildung oder im Studium auf und erhalten einen Motivations-Schub, vorausgesetzt, sie haben eine eigene Ausbildungs- bzw. Studienwahl getroffen.

KANN MAN JEMANDEN DAZU MOTIVIEREN, MOTIVIERT ZU SEIN?

Tja, kann Jannis, der keine Lust auf Englisch hat, von seiner Lehrerin motiviert werden, nun mal endlich seine Englisch-Vokabeln zu lernen?

Und wie sieht es mit Tamara aus, die Geschichte am liebsten immer schwänzen würde, weil ihr „der alte Kram“ viel zu langweilig ist? Können ihre Eltern das Feuer der Begeisterung für Geschichte anzünden, so dass ihre Tochter dem Unterricht aufmerksamer folgt und bessere Noten schreibt?

Du kennst vielleicht den Spruch: ‚Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.‘ Genau, man kann Gras auch nicht dazu überreden überhaupt zu wachsen. Es wächst einfach, weil es der Natur von Gras entspricht.

Allerdings haben äußere Bedingungen schon Einfluss auf den Wachstumsverlauf. Regnet es zu viel, wird es moderig, regnet es zu wenig, verdorrt es. Je nach Bodenbeschaffenheit kann einiges an Unkraut dazwischen wuchern und das Gras verdrängen. Wenn er jedoch auf gesundem Boden wächst und mit genügend Wasser und Sonne versorgt wird, gedeiht er zu einer wundervollen Wiese…ganz so, wie es seinem Ursprung entspricht.

DER MOTIVATION DEN WEG EBENEN

Mit scheint so, als wenn Erwachsene vielerorts vergessen, dass äußere Bedingungen einen massiven Einfluss auf die Motivation von Schüler*innen haben. Und dass wir Lernbegleiter*innen eine Menge für motivierende Lernbedingungen tun können, so dass die innewohnende Motivation der Lernenden anspringen kann. Denn mit der Bereitschaft lernend ihre Umgebung und sich selbst zu entdecken, kommen Kinder ja auf die Welt.

Wie können wir Erwachsenen der schulischen Motivation den Weg ebenen?

1. KRITIK, BEWERTUNG & CO

Das wichtigste, damit sich intrinsische Motivation entfalten kann, ist erst einmal bestimmte Außeneinwirkungen wegzulassen. Kritik, Bewertungen, Erwartungen und Leistungsdruck töten Motivation schneller, als man von außen schauen kann. Bereits wenige Worte („Ach, nur eine drei. Na kein Wunder, wenn du immer so wenig lernst!“) oder ein tadelnder oder enttäuschter Blick, können nachhaltig demotivieren.

2. ATMOSPHÄRE

Eine Lernatmosphäre kann einladend, angenehm und motivierend gestaltet sein. In einem hellen, übersichtlichen Raum mit guter Belüftung inkl. flexibler Sitzordnung für Gruppen- und Einzelarbeiten, ist es angenehm zu lernen.

Wenn die Lernzeiten rhythmisiert und akustisch z.B. mit bestimmter Musik eingeläutet werden, gibt dies Orientierung. Kleine Entspannungspausen entspannen und Bewegungsaktivierungen machen wach. Beides sorgt für mentales und körperliches Wohlbefinden. Tja, und wo wir Menschen uns wohlfühlen, sind wir offener und motivierter.

3. WERTSCHÄTZUNG & ANERKENNUNG

Als soziale Wesen sind wir auf Feedback unserer Umgebung angewiesen. Daran können wir uns orientieren und ausrichten. Persönliche Gespräche mit den Schüler*innen, Austausch in Kleingruppen und Kreisgespräche bieten diese Möglichkeit.

Für die Entwicklung eines starken, entwicklungsorientierten Selbstbewusstseins (Growth Mindset), benötigen Kinder eine positive Rückmeldung bezüglich ihrer Bemühungen und ihres Einsatzes. Anstatt einer Note für ein Ergebnis nach einer „Überprüfung“ zu vergeben, ist es förderlicher und motivierender Anerkennung und Wertschätzung auszusprechen, wie z.B. „Ah super, du hast alle Aufgaben gelöst. Dann kannst du jetzt deine Ergebnisse abgleichen.“

4. AUTONOMIE & KOMPETENZERLEBEN

Autonomie ist ein zentrales Grundbedürfnis. Bereits Kinder möchten ihr Handeln und ihre Interaktionen mit ihrer Umwelt selbst bestimmen.

Am idealsten ist also, wenn sich Kinder Lernstoff selbst aussuchen können und/oder es ihnen interessant und spannend aufbereitet präsentiert wird. Selbstkontrolle („Ich gebe dir ein Blatt mit den Lösungen, bitte überprüfe deine Ergebnisse.“) motiviert und ermöglicht den Lernenden, ihren Lernstand selbst einschätzen zu können.

Und wir Menschen haben das Bedürfnis nach Kompetenz, möchten also erleben, dass uns Aufgaben und Herausforderungen gelingen. Denn nichts motiviert mehr, als selbst bewältigte Herausforderungen und erreichte Ziele. Dadurch wird das Grundbedürfnis nach Kompetenzerleben erfüllt. Deshalb ist es elementar wichtig, erste Schritte klein zu halten, so dass das Gelingen garantiert ist! Vor allem dann, wenn vorher bereits einige Misserfolge erlebt wurden.

5. BEZIEHUNG & UNTERSTÜTZUNG

Alte Stammhirn-Funktionen werden sofort aktiviert, wenn seelische oder körperliche Gefahr droht. Als Folge werden Stresshormone ausgeschüttet, die wiederum sofort die Konzentrationsfähigkeit für andere Sachen minimiert. Nur dort, wo sich Menschen wohl und sicherfühlen, lernen sie leicht und entspannt.

Freundliche, wohlwollende und unterstützende Beziehungen stellen die Basis für solch eine sichere Lernumgebung dar. Und sie spielen eine bedeutsame Rolle für Motivation. Diese wirkt sowohl nonverbal über Mimik, Gestik und Körpersprache, wie auch über positive Formulierungen wie z.B. „Komm gern zu mir, wenn du Hilfe benötigst.“ oder „Hey, das schaffst du ganz sicher.“.

MOTIVATION IM LERNCOACHING

Der Coaching-Erfolg ist maßgeblich davon abhängig, wie motiviert ein Coachee ins Lerncoaching kommt.

In den meisten Fällen wünschen sich vor allem Eltern eine Verbesserung des Lernverhaltens ihres Kindes oder der Ergebnisse. Manchmal sehen sie auch, dass ihr Kind dem Leistungsdruck nicht gewachsen ist und suchen deshalb externe Unterstützung.

Lerncoaching ist ein freiwilliges Angebot…

…nur wie freiwillig kommen Schüler*innen zum Lerncoach?

Und wie hoch ist ihre Motivation, an ihrer Situation etwas zu ändern?

Genau das gilt es im Erstgespräch mit Hilfe von guten Fragen, Gesprächsführung und viel Empathie herauszufinden. Auch all die oben genannten Punkte, treffen natürlich auf das Coaching-Setting zu. Transparent zu schildern, was in den Coaching-Stunden passiert, wie sie ungefähr ablaufen werden und wie lange sie dauern, ist vertrauensbildend.

Um das Grundbedürfnis nach Autonomie & Selbstbestimmung zu erfüllen, widme ich mich den ersten 20-30 Minuten des Erstgesprächs allein dem Kind oder Jugendlichen. Die Eltern dürfen draußen warten oder spazieren gehen. So hat die Schülerin oder der Schüler genügend Zeit, den Raum und mich als Coach kennenzulernen. Ich lade dazu ein Fragen zu stellen und mache mir ein Bild von ihrer Sicht, ihrem Anliegen, ihren Stärken und ihrem Veränderungswunsch. Dadurch fühlen sich die Kinder und Jugendlichen gesehen und gehört und bei der Erarbeitung eines Coaching-Ziels werden sie einbezogen. Dadurch ist ihr Grundbedürfnis nach Autonomie und Mitbestimmung erfüllt, was die Coaching-Motivation erhöht.

Anschließend, nachdem ich die Eltern nach deren Sichtweise und Wünschen fragte, schicke ich alle noch einmal nach Hause. Dabei richte ich ganz gezielt die Bitte an das Kind, sich mit den Eltern über das Erstgespräch auszutauschen und 1-3 Nächte darüber zu schlafen. Erst wenn sie dann (noch) ein eindeutiges Ja zum Lerncoaching verspüren, vereinbaren wir Termine. Und die Eltern bitte ich, ihre Kinder nicht zu überreden und ihnen die Entscheidung zu überlassen, weil die anschließenden Ergebnisse, wie oben erwähnt, maßgeblich davon abhängen.

EIN STARKES MOTIV MOTIVIERT

Die meisten Schüler*innen sind es nicht gewohnt gefragt zu werden, wie es ihnen geht, was sie brauchen, welche Lösungsideen und welche Ziele sie haben. Dadurch rosten leider die Kreativität, Selbstwahrnehmung und -wirksamkeitserwartung ein. Deshalb dürfen im Lerncoaching viele aktivierende und inspirierende Fragen platziert werden, die zum Nachdenken anregen. Außerdem wirken selbstgefundene Antworten bei jungen Menschen so viel nachhaltiger und habe eine größere Chance umgesetzt zu werden, als Ratschläge von Erwachsenen.

Ein Ziel ist wie ein Leuchtturm der Orientierung gibt, auch wenn es mal neblig ist.
Leuchtturm mit Weg_Kann man einen anderen Menschen motivieren?_Lerncoach-Profibox_Farida Tlili_Online-Lerncoach-Ausbildung

Ein Ziel zu haben und die eigenen Motive dafür zu kennen, lässt den Motor anspringen und sorgt für Antriebsenergie. Beispiel:

Ziel: „Auf dem nächsten Zeugnis habe ich eine 2 in Englisch.“

Motive: „Dann freue ich mich und bin ich stolz auf mich. Und es ist ein Beweis, dass ich schaffen kann, was ich mir vornehme. Ich traue mir dann mehr zu.“
(Freude – Stolz – Zielstrebigkeit – Selbstvertrauen)

Persönliche Motive wirken viel, viel stärker als Ziele. Beides, Ziel und Motive, dürfen lebendig mithilfe von sinnlich konkreten Vorstellungen lebendig werden (was siehst du dann, hörst du, usw.). Dafür gibt es im Lerncoaching entsprechende Interventionen, die zum Einsatz kommen können.

FAZIT

Wir können bei anderen Menschen keine Knöpfe drücken oder Schalter umlegen, auch wenn wir (Eltern und Lernbegleiter*innen) das gern wollten. Intrinsische, selbstbestimmte Motivation, kann jedoch durch äußere Bedingungen und der Erfüllung von Grundbedürfnissen der Weg geebnet werden. Alles andere „tötet“ den natürlichen Antrieb und lässt pflichterfüllende Motivation gedeihen, was vielerlei ungünstige Auswirkungen haben kann.

Ich bin gespannt, wie du dieses Thema siehst. Hinterlasse mir deine Sichtweise gern unten im Kommentarfeld.

Motivierte Grüße
von Farida

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