Value-Based Micro-Actions kann man als ‚Wertorientierte Mikroaktionen‘ und damit als konkrete Form der Werteorientierung im Alltag übersetzen. Dabei handelt es sich um kleine, bewusst gewählte Handlungen, die sich an einem persönlichen Wert orientieren. Nicht an einem Ziel, nicht an einer Erwartung von außen, sondern an etwas, das dem Menschen selbst wichtig ist. Diese Handlungen sind so klein, dass sie nicht überfordern und gleichzeitig so stimmig, dass sie innerlich stärkend wirken.

Ins Lerncoaching oder Kinder- und JugendCoaching kommen häufig Kinder, Jugendliche oder Eltern, die gestresst, belastet und verzweifelt sind. Sie wollen etwas verändern und kommen trotzdem nicht von der Stelle. Häufig steckt bei Lernenden ein innerer Konflikt dahinter: Leistungsdruck, Angst zu versagen oder das Gefühl, irgendwie nicht richtig zu sein. Große Ziele verstärken diesen Druck meist noch.

Value-Based Micro-Actions sind ein wirksames Mittel zur Stressregulation, weil sie auf Werteorientierung beruhen und damit psychische Stabilität fördern.

Der Fokus liegt dabei nicht auf: „Welches Ziel hast du und was möchtest du erreichen?“, was ja einer typischen Coaching-Ausrichtung entspricht. Sondern: „Wie kannst du mit dieser Situation umgehen, so dass sie sich für dich gut anfühlt?“

Werte-Kompass für Werteorinetierung im Lerncoaching

WARUM WERTE IM LERNPROZESS EINE SCHLÜSSELROLLE SPIELEN

Werte wirken wie ein innerer Kompass. Sie geben Richtung, auch dann, wenn Motivation schwankt oder Lernen gerade schwerfällt. Forschung aus der Motivationspsychologie und der Positiven Psychologie zeigt deutlich: Menschen bleiben eher dran, wenn ihr Handeln als sinnhaft erlebt wird und nicht, wenn sie nur auf Ergebnisse fixiert sind.

Besonders anschlussfähig für Lerncoaching ist hier die Acceptance and Commitment Therapy (ACT). In diesem Ansatz geht es nicht darum, unangenehme Gefühle loszuwerden, sondern trotz Unsicherheit, Angst oder Frust handlungsfähig zu bleiben. Werte dienen dabei als Orientierung: Sie beantworten die Frage, wofür es sich lohnt, einen kleinen Schritt zu gehen.

Auch die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan passt gut in diesen Kontext. Wenn Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit erlebt werden, steigt die intrinsische Motivation. Value-Based Micro-Actions zahlen genau darauf ein: Die Handlung wird selbst gewählt, ist machbar und häufig beziehungsstärkend.

EIN BEISPIEL AUS DEM LERNCOACHING

Lea war in der achten Klasse, sie kam wegen massiver Aufschieberitis ins Coaching. Hausaufgaben wurden begonnen und abgebrochen, Lernzeiten endeten regelmäßig in Tränen, weil sie zu viel Zeit damit verbrachte. Ihr Ziel lautete zunächst: „Ich will endlich alles zügig und rechtzeitig schaffen.“ Ein großes Ziel und gleichzeitig lähmend, weil sie schon so häufig versucht hatte, etwas daran zu ändern.

Im Coaching ging es zunächst nicht um Planung oder Lernstrategien, sondern um eine andere Frage: „Was ist dir beim Lernen eigentlich wichtig?“ Nach kurzem Zögern sagte Lea: „Ich möchte mich nicht mehr so dumm fühlen und gute Noten bekommen.“ Dahinter zeigte sich ein Wert, den wir als ‚Selbstachtung‘ benannt haben.

Die Selbstachtung stärken

Wir entwickelten eine Micro-Action für Leas kommende Woche. Das Experiment war bewusst klein und zielte vorerst nicht direkt auf ihr Coaching-Thema: Jeden Abend wollte sie reflektieren und sich bewusst machen:

✴️  „Was ist mir heute gut gelungen?“

✴️  „Was fiel mir leicht?“

✴️  „Was habe ich zügig erledigt?“

Eine Woche später berichtete sie: „Es war komisch. Auch wenn ich beim Lernen ein wenig getrödelt habe, war ich nicht mehr so wütend auf mich.“ Das war ein erster Selbstwert stärkender Schritt, hin zur gewünschten Veränderung.

WAS EINE VALUE-BASED MICRO-ACTION AUSMACHT

Eine wirksame Micro-Action ist freiwillig, konkret und sehr klein. Zwei bis fünf Minuten sind oft ausreichend. Entscheidend ist nicht die Handlung an sich, sondern ihre Verbindung zu einem inneren Wert. Sobald daraus ein Muss oder ein Kontrollinstrument wird, verliert sie ihre Kraft.

Im Lernkontext können solche Handlungen sehr unterschiedlich aussehen: ein bewusst freundlicher innerer Satz vor einer Klassenarbeit, ein kurzes Innehalten, bevor ein Konflikt eskaliert, ein ehrlicher Austausch statt einer Lernkontrolle. Wichtig ist, dass die Handlung erlebbar bleibt.

EINSATZMÖGLICHKEITEN IN DER LERNBEGLEITUNG 

Value-Based Micro-Actions eignen sich besonders dann, wenn klassische Methoden nicht greifen. Bei Lernfrust, Prüfungsangst, Prokrastination oder in festgefahrenen Eltern-Kind-Dynamiken eröffnen sie neue Spielräume. Sie ersetzen keine Lernstrategien, sondern schaffen durch die Werteorientierung eine elementare Basis, für Motivation, Konzentration und Lernmethoden.

Auch Eltern profitieren stark von diesem Ansatz. Eine Mutter berichtete nach einer einzigen Veränderung, wie sich die Stimmung zu Hause entspannte: Ihr Wert war Beziehung. Ihre Micro-Action bestand darin, ihrem Sohn täglich fünf Minuten zuzuhören – ohne Nachfragen, ohne Tipps! „Es war schwerer als gedacht“, sagte sie. „Aber es hat mehr verändert als jedes Gespräch über Noten.“

EINE EINFACHE VORGEHENSWEISE FÜR DIE PRAXIS

In der Arbeit mit Lernenden beginnt alles mit einer echten Werteklärung. Nicht abstrakt, sondern lebensnah. Fragen wie „Was ist dir wichtig daran, gute Noten zu schreiben?“ (Anerkennung) oder „Woran würdest du merken, dass du dich gut mit deinen Eltern verstehst?“ (gemeinsam lachen/Humor) bewirken oft mehr als jede Zielabfrage.

Aus dem benannten Wert wird anschließend eine kleine, konkrete Handlungsaufgabe entworfen. Je kleiner sie ist, desto leichter ist sie umzusetzen. Die anschließende Reflexion bleibt bewusst wertfrei. Es geht nicht um Erfolg oder Misserfolg, sondern um Wahrnehmung: Was hat sich verändert? Was hast du bemerkt? Was war angenehm?

ALTERSGERECHT UND ALLTAGSTAUGLICH

Mit Kindern arbeiten viele Lernbegleiterinnen mit Bildern, Symbolen oder Figuren. Werte werden zu inneren Helfern oder Superkräften. Jugendliche brauchen vor allem Augenhöhe und Autonomie. Bei Eltern liegt der Fokus häufig darauf, vom Kontrollieren, Bewerten und Drohen, zurück in die Beziehung zu kommen.

Die folgende Aufgabe zeigt, wie sich Werteorientierung in Familien ganz praktisch umsetzen lässt – mit kleinen Handlungen, Verständnis und Verbindung fördern. Die Familienmitglieder lernen sich besser kennen und schaffen Nähe. Wenn Eltern mitmachen – nicht nur anleiten oder eine Aufgabe vorgeben – dann wirkt ihre Teilnahme als wichtige Vorbildfunktion. Aller Teilnehmenden vergrößern nebenbei ihren Wertewortschatz, was sich positiv auf Selbstmitteilungen auswirkt.

1

Alle wählen einen Wert, der ihnen wirklich wichtig ist – zum Beispiel Verbundenheit, Mut, Ehrlichkeit oder Mitgefühl.

2

Anschließend tauschen sich alle kurz darüber aus, was ihnen dieser Wert bedeutet und wofür er ihnen wichtig ist.

3

Danach entwickeln alle Ideen für sich, welche kleinen Handlungen sie tun können, um ihren Wert am nächsten Tag oder in der folgenden Woche mit Leben zu füllen. Das kann ganz simpel sein:

  • einer Person aufmerksam zuhören

  • eine ehrliche Nachricht schreiben

  • sich selbst auf die Schulter klopfen

4

Am nächsten Tag oder in der folgenden Woche berichten alle reihum: ‚So habe ich im Sinne meines Wertes gehandelt.‘

Bedeutsam ist dabei, dass alle Mitteilungen von den Familienmitgliedern unkommentiert, unbewertet und ohne Ratschläge bleiben!

Diese Anleitung lässt sich auch auf eine Gruppe – z.B. soziales Lernen – oder eine Klasse übertragen.

DIE WERTEWIRKUNG VERSTÄRKEN

Hier noch drei weitere Ideen, die die ‚Wertorientierten Mikromomente‘ zusätzlich in ihrer Wirkung verstärken – denn alles was wir zusätzlich notieren oder wovon wir anderen berichten, wird im Gehirn neuronal gestärkt und verankert.

✴️  Jeden erlebten Wertemoment auf einem bunten Notizzettelchen notieren und in einem Glas sammeln

✴️  Alle wertvollen Momente, passend zum Wert der mit Leben gefüllt werden darf, in einem Tagebuch notieren

✴️   Einem anderen Menschen der eigenen Wahl von dem Werte-Erlebnis berichten

WAS MACHT WERTEBASIERTES HANDELN SO WIRKSAM?

Studien machen deutlich: Nicht die Größe der Handlung ist entscheidend, sondern ihre Bedeutung. Wenn Menschen sich an dem orientieren, was ihnen wirklich wichtig ist, wächst Sinngefühl, innere Stabilität und das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit – auch dann, wenn der Alltag fordert.

Zufriedenheit wartet nicht am Ende eines Weges. Sie zeigt sich dort, wo wir uns und unseren Werten treu sind.

EINE WERTE-LISTE FÜR DICH

Du kannst dir hier eine Werte-Liste als PFD runterladen. Diese Begriffe können genauso für das Finden von Bedürfnissen und Stärken eingesetzt werden. Marschall B. Rosenberg machte folgende Differenzierung: Bedürfnisse sind elementar und nicht verhandelbar. Wenn sie nicht erfüllt sind, melden sie sich auf irgendeine Weise – im Verhalten, in Emotionen oder auch psychosomatisch. Werte dagegen, entwickeln sich im Laufe des Lebens und ihre Prioritäten können sich ändern. Werte sind vor allem für das Sinnerleben und die Motivation bedeutsam. Stärken wiederum, werden in der Positiven Psychologie als Werte in Aktion betrachtet. Vielleicht fallen dir noch weiter Begriffe ein…

ERGÄNZENDE LERNCOACHING-INTERVENTIONEN

In dem Beispiel von Lea und um ganzheitlich vorzugehen, eignen sich im Lerncoaching natürlich noch ergänzende Interventionen. Neben einem EmotionsCoaching, mit dem emotionale Blockaden zügig gelöst und Ressourcen aktiviert werden können, könnten die folgenden Formate zum Einsatz kommen – sie werden einigen Lerncoaches bekannt vorkommen:

🔶 Wunderfrage

🔶 Zielarbeit (10 Schritte zum Ziel)

🔶 Hindernis-Lauf

🔶 ABC-Gedanken-Check

🔶 Glaubenssatz/Verhalten im Spiegel der Zukunft

🔶 Ressourcen-Kreis

🔶 Power-Name

🔶 Wohlfühlort

🔶 Konzentrations-Mantra

🔶 Lernen im Quadrat

🔶 Lerntratgien

Welchen Wert möchtest du heute leben?

FAZIT

Value-Based Micro-Actions scheinen unspektakulär, haben jedoch eine große Wirkkraft. Sie holen Menschen aus dem Gefühl von Ohnmacht zurück in Handlungen – ohne Druck, ohne Bewertung. Sie zeigen: Veränderung beginnt nicht mit großen Plänen, sondern mit kleinen, achtsamen Schritten.

Für Lerncoaches und andere Lernbegleiterinnen zeigt sich darin, wie Werteorientierung persönliche Reflexion ermöglicht und nachhaltige Veränderungsprozesse sowie Persönlichkeitsentwicklung unterstützt.

GLÜCKSFORMEL – FORTBILDUNG

Möchtest du tiefer in die Positive Psychologie einsteigen? Dich, deine Mitmenschen und Klienten resilienter machen? Dann schau dir das MASTER-Modul GLÜCKSFORMEL – MOMENTE, DIE STARK MACHEN an. In dem habe ich interessante Forschungsergebnisse  und Glücksinterventionen für den Haus- und Praxisgebrauch zusammengestellt. Eine Fortbildung, die glücklich macht.

Glücksformel - Positive Psychologie im Coaching

QUELLEN

Bertelsmann Stiftung, 2017: Leitlinien für die Wertebildung von Kindern und Jugendlichen: https://h7.cl/1hQRO

Oxford Review of Education, 2009, Positive education: positive psychology and classroom interventions: https://h7.cl/1mOsI