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Manche Gespräche berühren und hallen nach. Das Interview mit Dr. Adrian Bröking war so eines. Er ist Studiendirektor und stellvertretender Schulleiter am Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin. Für mich verfolgt Adrian eine wichtige Vision und konsequente Haltung. Er hat einfach angefangen zu verändern. Schritt für Schritt. Und über viele Jahre hinweg etwas aufgebaut, das heute zu einem echten Markenzeichen seiner Schule geworden ist. 

Seit 2012 integriert Adrian Achtsamkeit in den Schulalltag – zunächst in seinen eigenen Klassen, heute als festes Angebot für die gesamte Schulgemeinschaft. Dieser Artikel mit Interview-Video gibt einen Einblick, wie Schule wachsen kann. Ich hoffe, er dient auch als Motivation und Inspiration, Veränderungen, seien sie auch noch so klein, mutig in Schule den Weg zu ebnen. 

EINE PERSÖNLICHE ERFAHRUNG ALS AUSGANGPUNKT 

Adrians Einstieg in die Achtsamkeit entstand aus einer persönlichen Krisensituation heraus. Kurz vor dem Burnout absolvierte es einen klassischen MBSR-Kurs (Mindfulness-Based Stress Reduction – Stressbewältigung durch Achtsamkeit). Die Wirkung war so deutlich erlebbar, dass er sich als Lehrer sofort fragte: „Was wäre gewesen, wenn mir das jemand beigebracht hätte, als ich 15 war?"

Adrian begann zu recherchieren, knüpfte Kontakte zu internationalen Pionieren der schulischen Achtsamkeit und entwickelte nach und nach eigene Formate. Zunächst mit Zustimmung der Eltern, mit kleinen Ritualen im Unterricht, mit achtsamen Einstiegen in Doppelstunden. 

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MIND THE MUSIC: EIN EINSTIEG, DER JUGENTLICHE WIRKLICH ERREICHT

Wer schon einmal versucht hat, Teenager für Meditation zu begeistern, weiß: Der klassische Ansatz stößt oft auf Ablehnung und Widerstand. Adrian fand einen anderen Weg. Inspiriert vom Konzept des buddhistischen Mönchs Soryo Forall gründete er die Mind-the-Music-AG – ein Format, das Achtsamkeit mit dem verbindet, was Jugendliche am meisten bewegt: ihre Musik. 

Das Prinzip ist so schlicht wie wirkungsvoll. Schülerinnen und Schüler bringen ihre eigene Musik mit. Eminem, AC/DC, alles ist dabei. Die Gruppe hört gemeinsam und übt dabei die Wahrnehmungsebenen zu unterscheiden, den Fokus zu halten und Emotionen zu regulieren. 

Normalerweise entstehen dabei Situationen, in denen einige aus der Gruppe den gehörten Song toll finden und andere ganz furchtbar. Dies kann einen wichtigen Nährboden bilden für neue Erfahrungen. Widerstand gegen das, was wir Menschen nicht unmittelbar beeinflussen können, wird plötzlich greifbar und beobachtbar. Eine Schülerin brachte es einmal so auf den Punkt: „Ich finde dieses Lied so furchtbar…aber heute war es mir einfach egal. Mir geht's richtig gut." 

Das ist ein Transfer, den wir uns als Lernbegleiter:innen wünschen: Eine Erfahrung, die aus dem Übungskontext ins echte Leben hineinwandert. Das ungeliebte Lied wird zur Metapher für eine unbeliebte Lehrkraft, die stressige Klausurphase oder dem Konflikt mit einer Mitschülerin. 

RESILIENZ UND PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG: EIN GRUNDKURS DER SPUREN HINTERLÄSST 

Seit drei Jahren gibt es am Friedrich-Ebert-Gymnasium einen offiziellen Grundkurs in der Oberstufe: „Resilienz und Persönlichkeitsentwicklung". Im laufenden Schuljahr nehmen 39 Schülerinnen und Schüler teil, aufgeteilt auf zwei Kurse, die Adrian gemeinsam mit einer Kollegin leitet. 

In diesem Kurs werden Meditationen, Reflexionsgespräche, dreiwöchige Challenges mit Tagebuchdokumentation angeboten. Die bedeutsamsten Wirkungen hinterlassen jedoch die ehrlichen Begegnungen und Dialoge auf Augenhöhe. Das Teilen von Erfahrungen bleibt unkommentiert und unbewertet. Außergewöhnliche Momente in Räumen, in denen es sonst um Leistung und Benotungen geht.

Adrian meditiert mit seinen Schülerinnen und Schülern. Er spricht offen darüber, wie er selbst mit Druck umgeht, was ihm hilft, wo er an Grenzen stößt. Das hat eine unerwartete Wirkung: Jugendliche erleben, dass auch Lehrende, inkl. stellvertretende Schulleitungen, mit Überforderung umzugehen haben. Das allein verändert die Atmosphäre im Raum, stärkt die Beziehungsebene und schafft Verbindung. 

Über die Situation seiner Schülerinnen und Schüler hat Adrian darüber Wichtiges erfahren: Viele Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in der Oberstufe erleben einen konstanten, unsichtbaren Bewertungsdruck. Sie fühlen sich permanent beobachtet und passen ihr Verhalten entsprechend an.

WAS ACHTSAMKEIT KONKRET TRAINIERT 

Achtsamkeit trainiert in erster Linie Selbstwahrnehmung, Fokus und Selbstregulation und erst in zweiter Linie Entspannung. Adrian arbeitet bewusst mit dem Begriff „Fokus" statt „Konzentration", weil Konzentration für viele Schülerinnen und Schüler mit Schule, Lernen und Versagen assoziiert wird. In den gemeinsamen Übungen geht es darum Fokus aufzubauen, ihn wieder zu verlieren, ihn zu erneuern: Und das alles ohne Selbstkritik. Dieses Training ermöglicht zu erleben, dass es von Mal zu Mal besser gelingt. 

Aus diesem Fokus-Training wächst Selbstwirksamkeit und die Erfahrung, dass der eigene Zustand beeinflussbar ist. Schülerinnen und Schüler, die sich als achtsam und handlungsfähig erleben, verfügen über eine besser Selbstwahrnehmung, reagieren umsichtiger und lernen im Idealfall leichter. 

Dieser Grundkurs bietet einen Ausgleich und einen Ort,
an dem Offenheit möglich ist und Lernen aus Erfahrung im Vordergrund steht.
 

WENN ACHTSAMKEIT DIE FAMILIE ERREICHT 

Ein besonders schöner Aspekt von Adrians Arbeit zeigt sich in den Tagebüchern, die Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Challenges führen. Einige berichten darin, dass sie Übungen zu Hause mit Eltern oder Geschwistern geteilt haben. Manche Eltern melden sich bei Adrian und erzählen, wie sich das Klima zu Hause positiv verändert hat.

Das erinnert mich an eine berührende Geschichte, die Adrian vor Jahren in seinem Blog teilte: Ein Mädchen, das nach einer Einheit zum ‚achtsamen Zuhören' sich mit ihrem Vater traf und sich vornahm, ihm wirklich zuzuhören. Die Kommunikation mit ihm hatte sie bis dahin als schwierig empfunden. Das Treffen zwischen Tochter und Vater verlief erstaunlich anders. Harmonischer und angenehmer. Anschließend sagt sie zu Adrian: „Ich habe gemerkt, der will mir überhaupt nichts Böses." Dieser Satz zeigt, wozu Achtsamkeitspraxis im schulischen Kontext befähigen kann: zu echter Begegnung, jenseits von Reaktionsmustern und Abwehr.

Ergänzt wird dieses Angebot durch die Reihe „Achtsam durchs Jahr". Viermal jährlich lädt Adrian Eltern zu 90-minütigen Achtsamkeitsabenden ein. Manchmal sind auch Schülerinnen und Schüler dabei, die dann aus eigener Erfahrung berichten. Eine Schülerin sagte nach einem solchen Abend, sie habe bisher immer geglaubt, Erwachsene wüssten, wie der Laden läuft. Beiden Seiten wurde für Mitgefühl sensibilisiert.

LERNCOACHING IN DER SCHULE 

Auch Lerncoaching gehört inzwischen zum Konzept des Friedrich-Ebert-Gymnasiums. Mit dem Programm „Fit fürs Lernen" werden Schülerinnen und Schüler der neuen 7. Klassen von Beginn an begleitet. Sonsoles Cerviño gibt als externe Lerncoachin den Lernenden gehirnfreundliche Lernstrategien, Zielsetzungen für die Motivation, Prüfungsangstmanagement mit Achtsamkeitselementen an die Hand. Auch einige Lehrkräfte absolvieren eine Lerncoach-Ausbildung, um Lerncoaching-Inhalte in den bestehenden Schulrahmen zu integrieren. 

Adrians Vision: Eine Person mit Lerncoaching-Kompetenz, die dauerhaft als Teil der Schule präsent ist: Für Vertretungsstunden, in Randzeiten, immer dann, wenn Raum da ist. Das wäre ein Mehrwert, der weit über einzelne Lernworkshops hinausgeht.

Dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Und er erinnert mich daran, warum ich Lerncoaching von Anfang an als schulisches Angebot gedacht habe. Weil das der Ort ist, an dem Hürden beim Lernen entstehen und an dem Unterstützung sofort wirken kann. 

MEIN FAZIT

Adrians Weg zeigt, was auch im herausfordernden Schulalltag möglich ist. Dafür braucht es sicherlich eine klare Vision, Haltung, Geduld und Durchhaltevermögen. 

Er hat mit kleinen Schritten begonnen, hat Unterstützung in der Schulleitung gefunden und daraus etwas aufgebaut, das neben der Wissensvermittlung in die Entwicklung und Zukunft der jungen Menschen einzahlt. 

Für mich ist das eine ermutigende Geschichte. Achtsamkeit in Schule als Fundament, Lerncoaching als Ergänzung und Schule als Gemeinschaft für persönlichen Wachstum.  

ACHTSAM IN BERLIN – ADRIANS BLOG

Achtsamkeit_veraendert_Schule_positiv_ein_Interview

Wenn es Adrians Zeit es zulässt, schreibt er immer mal wieder Blogartikel über Achtsamkeit. Auch wunderschöne Fotos sind dort zu entdecken. 

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