2e-Kinder und Jugendliche erkennen und begleiten.
Vor einigen Tagen las ich einen Instagram-Post von Susanne Burzel über Twice Exceptional. Sie ist Mutter zweier hochbegabter Söhne und hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben – dazu unten mehr, denn hier soll es um eine Begrifflichkeit gehen, die ich vorher noch nie hörte und die für alle Lernbegleiter:innen wichtig ist.
Twice Exceptional, oft kurz 2e, beschreibt Kinder und Jugendliche, die gleichzeitig besonders begabt und in einem anderen Bereich deutlich herausgefordert sind. Das kann zum Beispiel bedeuten: sehr hohe sprachliche oder kreative Fähigkeiten und gleichzeitig Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Lesen, Schreiben, Mathematik, sozialer Orientierung oder Selbstorganisation. Also alles Themen, mit denen Eltern und Kinder ins Lerncoaching oder in die Lerntherapie kommen. Und gerade diese Mischung von herausragenden Fähigkeiten und Defiziten, macht ‚2e-Schüler:innen' oft schwer erkennbar, weil Stärke und Schwierigkeit sich gegenseitig verdecken können.
WAS BEDEUTET TWICE EXCEPTIONAL?
Der Begriff Twice Exceptional bedeutet so viel wie ‚zweifach außergewöhnlich‘ und beschreibt ein doppeltes Profil : ein Kind hat einerseits besondere Fähigkeiten oder ein sehr hohes Potenzial und gleichzeitig eine zusätzliche Lern-, Entwicklungs- oder neurodivergente Besonderheit. Das kann etwa eine Hochbegabung in Kombination mit ADHS, Autismus Spektrum, Dyslexie, Dyskalkulie oder ausgeprägten Problemen in der Selbstregulation sein.
Wichtig ist dabei: 2e ist ein Hinweis darauf, dass Entwicklung nicht linear verläuft. Ein Kind kann in Gesprächen sehr reflektiert, sprachlich stark und inhaltlich erstaunlich weit sein, aber im Alltag trotzdem regelmäßig an ganz praktischen Anforderungen scheitern. Genau diese Ungleichzeitigkeit ist typisch.

WARUM 2e-KINDER OFT ÜBERSEHEN WERDEN
‚2e-Kinder' fallen nicht immer sofort auf, weil sie sich häufig über ihre Stärken kompensieren. Ein Kind mit hoher sprachlicher Begabung kann zum Beispiel Inhalte gut erklären, obwohl es große Probleme beim Schreiben oder bei der Konzentration hat. Ein anderes Kind kann sich mit logischem Denken hervortun, aber in Gruppen schnell überfordert sein oder im Unterricht innerlich abschalten.
Hinzu kommt, dass viele ‚2e-Kinder' lange versuchen, ihre Schwierigkeiten zu maskieren, also zu verstecken. Sie wollen nicht auffallen, wollen funktionieren oder denken, dass sie sich in manchen Bereichen „einfach mehr Mühe geben" müssen. Das gelingt ihnen natürlich nicht immer und kostet zudem viel Energie. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, das Kind sei unmotiviert, unorganisiert oder widersprüchlich, obwohl eigentlich ein komplexes Entwicklungsprofil dahintersteckt.
Das fatalste ist jedoch, wenn sich ‚unentdeckte' ‚2e-Kinder' im Unterricht langweilen, weil ihnen der Stoff sinnlos vorkommt, den Inhalt schon kennen/können, überfordert sind oder ihnen die Unterrichtsgestaltung ‚gegen den Strich' geht. Nicht selten machen sie dann Quatsch, stören oder verweigern sich. Ihre Reaktionen werden fehlinterpretiert, sanktioniert und sie fühlen sich verständlicherweise unverstanden.
TYPISCHE ANZEICHEN IM ALLTAG
‚Twice Exceptional-Kinder' zeigen häufig sehr uneinheitliche Leistungen. In einem Fach oder bei einem interessanten Thema sind sie auffallend stark, in einem anderen Bereich aber deutlich unter ihrem Potenzial. Besonders typisch ist eine große Diskrepanz zwischen Denken und Umsetzen.
Einige Beispiele für ‚Auffälligkeiten':
🔶 sehr schnelle Auffassungsgabe, gleichzeitig Probleme sich zu organisieren
🔶 starke Ideen, aber Schwierigkeiten beim Ausführen
🔶 hohe Sensibilität oder emotionale Intensität
🔶 Frustration bei Routinen, Fehlern oder Zeitdruck
🔶 wechselnde Leistungen je nach Thema, Stimmung oder Umgebung
Manche Kinder wirken im Gespräch älter als sie sind, im Verhalten aber deutlich jünger oder unsicherer. Andere erleben sich selbst als „anders", obwohl sie nicht genau benennen können, warum. Gerade diese inneren Spannungen belasten viele ‚2e-Kinder' stark.
ABGRENZUNG ZUR REINEN HOCHBEGABUNG
Nicht jedes hochbegabte Kind ist 2e. Hochbegabte Kinder haben oft einen hohen Lernbedarf, denken schnell, fragen viel und brauchen anspruchsvolle geistige Anregung. Ihre Schwierigkeiten entstehen häufig dann, wenn das Lernumfeld nicht passt oder sie unterfordert sind.
Bei 2e kommt jedoch zusätzlich eine echte Belastung dazu, die nicht allein durch mehr Anspruch gelöst werden kann. Das Kind braucht einerseits nicht nur passende geistige Herausforderungen, sondern auch gezielte Unterstützung in dem Bereich, in dem es beeinträchtigt ist. Genau das macht die Unterscheidung so wichtig: Hochbegabung erklärt nicht automatisch alle Auffälligkeiten, und Schwierigkeiten sind nicht immer ein Zeichen von fehlender Anstrengung.
HÄUFIGE MISSVERSTÄNDNISSE
Im (Schul-)Alltag werden 2e-Kinder oft falsch eingeschätzt. Ein klassisches Missverständnis ist: „Wenn das Kind so klug ist, kann es keine ‚solchen' Schwierigkeiten haben." Oder: „Wenn es sich so schwertut, kann es doch nicht hochbegabt sein." Beides ist für die betroffenen Kinder fatal, denn sie haben ohnehin schon den Eindruck, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Dass sie ‚nicht richtig sind'. Und die Fehleinschätzung von außen, verstärkt ihr innere Unsicherheit und führt in ihnen zu blockierenden Glaubensmustern – im schlimmsten Fall zu: „Ich bin dumm!".
Die Kehrseite ist, dass Begabung manchmal als Erklärung für alles verwendet wird. Dann werden echte Lern- oder Entwicklungsstörungen übersehen. Allerdings kann ein Kind auch vorschnell pathologisiert werden, obwohl Unterforderung, Anpassungsprobleme (Schulsystem) oder ein atypisches Entwicklungsprofil eine große Rolle spielen. Genau deshalb ist eine sorgfältige Betrachtung so wichtig.
WICHTIG FÜR LERNBEGLEITER:INNEN
Für Lernbegleiter:innen ist der Blick auf 2e besonders wichtig, weil klassische Nachhilfe oder Lerntherapie oft nur teilweise oder gar nicht greifen. Ein Kind kann ein hervorragendes Verständnis für Zusammenhänge haben und trotzdem Schwierigkeiten mit Planung, Dranbleiben oder Selbstorganisation zeigen. Dann reicht es nicht, einfach „mehr üben" zu empfehlen.
Es kann auch sein, dass ein Jugendlicher einem Lerncoaching zustimmt, weil es in der Schule nicht gut läuft, macht im Coaching jedoch nicht wirklich mit und scheint ständig im Widerstand und Widerspruch zu sein.
Voraussetzungen für eine gelingende Unterstützung:
✔️ Freiwilligkeit des Kindes oder Jugendlichen
✔️ empathisches Zuhören
✔️ ernst nehmen ohne Bewertung
✔️ eine erwartungsfreie Haltung
✔️ Zeit geben und Entwicklung zulassen
✔️ Zuversicht in positive Veränderungen
✔️ nah am Kind bzw. Jugendlichen bleiben
✔️ Ablehnung und Widerspruch akzeptieren
✔️ Raum für Ehrlichkeit und Kritik schaffen
✔️ Hindernisse und Selbstzweifel erkennen
✔️ Offenheit, Authentizität und Transparenz
✔️ aufmerksam beobachten, was möglich ist und was nicht
✔️ wertschätzend und stärkenorientiert arbeiten
✔️ gemeinsam realistische und erreichbare Ziele entwickeln
Das heißt: die Interessen des Kindes nutzen, Selbstwirksamkeit stärken, kleine klare Schritte anbieten und gleichzeitig emotionale Entlastung ermöglichen. Viele ‚2e-Kinder' profitieren davon, wenn sie sich nicht ständig an einem unerreichbaren Ideal messen müssen.
WAS LERNTHERAPIE BEITRAGEN KANN
Lerntherapeutisch brauchen ‚2e-Lernende' eine doppelte Blickrichtung: Gezielte Unterstützung in den schwächeren Bereichen und Anerkennung der Stärke. Wenn zum Beispiel eine Lese- oder Rechtschreibschwierigkeit besteht, wird mit Zustimmung des Kindes daran gezielt gearbeitet. Gleichzeitig ist wichtig – wie im Lerncoaching – die vorhandenen Fähigkeiten des Kindes stärkend mit einzusetzen.
Besonders hilfreich sind:
🔶 klare Strukturen
🔶 visuelle Unterstützung
🔶 kleine und überschaubare Lernschritte
🔶 Wiederholung ohne Beschämung
🔶 Entlastung bei Tempo- und Organisationsproblemen
🔶 Stärkung von Selbstvertrauens und Growth Mindset
Entscheidend ist, dass das Kind nicht nur „korrigiert", sondern verstanden wird.
WAS KINDER- UND JUGENDCOACHING LEISTEN KANN
Im Coaching steht oft die Selbstwahrnehmung und die Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt. Viele ‚2e-Kinder' haben früh gelernt, dass sie in manchen Bereichen glänzen und in anderen scheitern. Das kann zu Scham, innerem Rückzug, Perfektionismus oder einem starken Gefühl von Anderssein führen.
Coaching kann helfen, diese Widersprüche einzuordnen und in ein stimmiges Selbstbild zu übersetzen. Das Kind oder der Jugendliche lernt: „Ich bin nicht falsch. Ich bin komplex." Diese Botschaft ist oft entlastend und kann ein wichtiger Schritt zu mehr Stabilität sein.
WARUM FRÜHE ERKENNUNG SO WICHTIG IST
Je früher ein 2e-Profil erkannt wird, desto besser lassen sich Fehlentwicklungen und Selbstwertverletzungen vermeiden. Ohne passende Einordnung werden viele Kinder jahrelang missverstanden, bekommen falsche Erwartungen oder entwickeln negative Selbstbilder. Manche werden als faul, schwierig oder unkonzentriert wahrgenommen, obwohl sie in Wahrheit sehr viel Kraft investieren, um ihren Alltag zu bewältigen.
Frühe Erkennung bedeutet nicht, vorschnell zu diagnostizieren. Sie bedeutet, genau zu beobachten und die Kombination aus Begabung und Schwierigkeit ernst zu nehmen. Das schützt Kinder vor unnötigem Druck und öffnet den Weg für eine passgenaue Förderung.
FAZIT
Twice Exceptional Kinder sind weder „einfach hochbegabt" noch „einfach schwierig". Sie brauchen einen Blick, der beides gleichzeitig wahrnimmt: ihr Potenzial und ihren Unterstützungsbedarf. Genau darin liegt die Chance, sie besser zu verstehen und wirksamer zu begleiten.
Für Lerncoaches, Lerntherapeuten und Kinder- und Jugendcoaches ist 2e deshalb ein wichtiges Thema. Wer die doppelte Besonderheit erkennt, kann Kinder nicht nur fachlich besser fördern, sondern auch emotional entlasten und in ihrer Entwicklung stärken.
Die Coaching-Formate meiner Lerncoach-Ausbildung sind übrigens alle ‚2e-tauglich', denn sie sind diagnose-, lernstoff- und altersunabhängig. Hier geht es zu Informationen der Lerncoach-Ausbildung
BUCH-TIPP: HOCHBEGABT GESCHEITERT
Susanne Burzel erwähnte ich bereits zu Beginn. Ihre Erfahrungen als betroffene Mutter hat sie sehr berührend und informierend in ihrem Buch ‚Hochbegabt gescheitert …und neue Türen öffnen sich‘ niedergeschrieben. Es ist ein Mutmachbuch mit vielen Infos zu Hochbegabung, ADHS, Autismus-Sektrum-Störung, Hochsensibilität, Underachievement und zum Schulsystem.
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