FELIX HAT KEINE LUST MEHR ZU LERNEN

Dies ist die Geschichte von Felix.
Seine Lernmotivation ist verschwunden.
Seine Eltern sind ratlos.

Was steckt dahinter?
Was kann helfen?
Wie im Lerncoaching am besten vorgehen?

Felix ist 8 Jahre alt und in einer jahrgangsübergreifenden Klasse. Mathe fiel ihm von Beginn an leicht, die anderen Fächer waren okay. Wie viele andere hatte Felix das Pech in die lange Home-Schooling-Phase zu geraten. Seine Eltern und er haben diese Zeit ganz gut gemeistert. Seit jedoch nach den Sommer-Ferien der Unterricht wieder in Präsenz stattfindet, beobachten Felix Eltern zunehmende Lernunlust bei ihrem sonst so wissbegierigen Sohn. Dies hat verständlicherweise Auswirkungen auf den häuslichen Frieden. Lernen wird zum Stressthema. Es dauert ewig, bis Felix sich an die Hausaufgaben setzt. Üben darüber hinaus ist fast nicht mehr möglich, weil er sich weigert. Anstrengende Diskussionen und kreative Überredungsversuche sind zur Tagesordnung geworden.

Lernfrust und Motivation im Lerncoaching

„Bevor Kinder Schwierigkeiten machen, haben sie welche.“

Jesper Juul

WAS IST NUR PASSIERT?

Felix Eltern machen sich natürlich Sorgen. Sie haben Kontakt zu seiner Lehrerin aufgenommen und erfahren, dass er im Schreiben und Lesen nicht so weit ist, wie die anderen Schüler:innen. Auch in seinem Lieblingsfach Mathe hängt er plötzlich hinterher. Von diesen Informationen waren sie etwas schockiert, eine Mitteilung darüber hätten sie sich früher gewünscht. Von Schulbeginn an waren sie sich einig, dass sie keinen Leistungsdruck auf ihren Sohn ausüben wollten. Er sollte sich in der Schule vor allem wohlfühlen und gerne dorthin gehen.

Nun stehen sie vor dem Dilemma, dass Felix Lernstoff aufzuholen hat, jedoch nicht üben will. Und Druck wollen sie auch nicht machen. Da ist guter Rat teuer und so kam ich als Lerncoach ins Spiel.

WELCHER COACHING-AUFTRAG ERGIBT SICH DARAUS?

Klar, zu Beginn steht ein Erstgespräch, um als Lerncoach Informationen zu erhalten. Das führte ich mit der Mutter via Zoom. Dort erhielt ich die oben erwähnten Infos und auch, dass Felix ein aufgeschlossener Junge ist, der seine Schulaufgaben sehr gewissenhaft erledigt. Dadurch dauert bei ihm alles etwas länger, was sicherlich ein Punkt ist, der zu dem Stoffrückstand führte, meinte die Mutter.

Natürlich stellte ich neben den Mitteilungen der Mutter, eine Menge offene W-Fragen. Nur welche Fragen eignen sich am besten? Welche sind zielführend? Ziel in einem Erstgespräch ist für mich, meine innere Vorstellungs-Leinwand leer zu machen und neugierig zu fragen, um mir ein Bild von der Situation machen zu können. Dabei ist mir vor allem wichtig, mich in die Lage des Jungen und der Eltern zu versetzten, um später passende Interventionen bzw. Übungen wählen zu können.

Mit meinen Fragen wollte ich folgendes erfahren:

  • Was beobachten die Eltern?
  • Welche Beobachtungen macht die Lehrerin?
  • Was macht Felix gerne? Was fällt ihm leicht?
  • Wann geht Lernen gar nicht?
  • Wann und wobei geht es leichter?
  • Was haben sie bereits ausprobiert?
  • War es mal anderes?
  • Wie sieht die Lernsituation zu Hause aus?
  • Seit wann ist es so?
  • Ist davor irgend etwas passiert?
    Vielleicht auch nur etwas Kleines?
    (evtl. darum bitten, auch die Lehrerin dazu zu befragen)
Q & A LernCoach-Ausbildung online

Als Coaching-Auftrag wünschten sich die Eltern Motivations-Tipps, um die Situation entspannen und Felix unterstützen zu können, damit Lernen zu Hause wieder leicht gehen kann.

Zu den oben geschilderten Informationen kam nach meiner letzten Frage und einem kleinen Bedenkmoment der Mutter, dass ihr eine Aussage von Felix einfiel. Es gab mal wieder Gezeter wegen der Mathe-Hausaufgaben, die er früher sehr gern machte. Er sagte: „Die anderen sind sowieso schneller und besser als ich. So gut werde ich wohl nie sein.“

WIE NUN AM BESTEN IM LERNCOACHING VORGEHEN?

Ich fasse zusammen: Die Mutter meldet sich wegen eines Coachings und meinte…

  1. ihr Sohn habe Motivationsprobleme
  2. er hinge mit dem Stoff hinterher
  3. sie als Eltern wünschen sich Tipps, wie sie ihn zum Lernen motivieren können

Hast du nach diesen Zeilen bereits eine Idee, wie du im Lerncoaching vorgehen würdest?

Ist Motivation das Thema? Oder eher passende Lernstrategien? Oder doch Konzentration, damit es beim Lernen schneller geht? Oder…?

Die letzte Schilderung der Mutter war für mich eine entscheidende! Der kleine Schüler hatte bereits einen blockierenden, demotivierenden Glaubenssatz über sich und sein Können entwickelt: „Die anderen sind sowieso schneller und besser als ich. So gut werde ich wohl nie sein.“

Ich fragte die Mutter, ob Felix in einigen Situationen eher sensibel, also z.B. frustriert reagiert. Sie stimmte sofort zu und meinte, dass klar zu beobachten sei, dass er Aufgaben und Tätigkeiten meidet, die ihm nicht gleich gelingen.

Was für eine wichtige Information! 

Mir kam die Idee, dass Felix vielleicht ehrgeizig ist, er aus einigen Situationen weiß, dass ihm neue Dinge leichtfallen und er schnell begreift. Außerdem erledigt er seine Aufgaben gewissenhaft und möchte alles gut machen. Wenn ihm das nicht auf Anhieb gelingt, ist er enttäuscht (von sich), schämt sich vielleicht sogar, ist frustriert und hat keine Lust mehr. Meidet also zukünftig diese Aufgabe, um sich vor „blöden“ Gefühlen zu schützen. Genau genommen, ging es also um Lernfrust und mangelnde Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten. Also ein (auch) „Ressourcen-Thema“.

Was braucht Felix?

Ich entwickelte die Annahme, dass Frustrationstoleranz und Anstrengungsbereitschaft Kompetenzen wären, die ihm helfen würden, motiviert zu bleiben, auch wenn mal etwas nicht so ideal für ihn läuft.

Tja, welche Tipps oder Übungen sind in diesem Fall empfehlenswert?

ELTERNTIPPS BEI LERNFRUST

Ich schlug der Mutter vor, dass ich ihnen Übungen und Tipps zusammenstelle, die sie gemeinsam mit Felix durchführen können. Ich erläuterte, dass ich dabei den Fokus auf das Stärken seiner inneren Stärken lege, weil je selbstsicher sich jemand fühlt, desto mehr Vertrauen hat diese Person Herausforderungen meistern zu können. Es geht also darum als Gegengewicht zu Frustration, Demotivation und Resignation, das Erleben von stärkenden Emotionen und Fähigkeiten zu entwickeln.

Aus den Forschungen der Positiven Psychologie von Barbara Fredrickson weiß man, dass wir Menschen gut daran tun, mindestens ein Emotions-Verhältnis von 3-1 (pos.-neg.) anzustreben. Wobei hier nicht gemeint ist, dass es gute und schlechte Emotionen gibt, sondern es geht um stärkende und schwächende Emotionen. Wir tun also gut daran achtsam dafür zu sorgen, dass wir täglich unser Erleben so ausrichten, dass wir mehr förderliche Gefühle erleben, die uns stärken und uns Energie verleihen. Genau das ermöglicht uns, mit innerer Flexibilität und Widerstandskraft vermeidliche Niederlagen und Unzulänglichkeiten wegzustecken. Im optimalsten Fall sogar an ihnen zu wachsen.

Positive Psychologie im Lerncoaching

Wir vereinbarten einen Online-Termin, in dem auch der Vater dabei war. Nach einem kurzen Update und Zeit für Fragen, führte ich das Elternpaar durch die Übung „Positive Tagesschau“. Dabei werden drei schöne Momente des Tages eingesammelt und das eigene Dazutun benannt. Eltern selbst diese Übungen durchführen zu lassen ist mir wichtig, denn so bleiben sie besser in Erinnerung. Viel wertvoller ist jedoch das eigene Erleben, denn dies ermöglicht das Nachspüren und das Wahrnehmen von Veränderungen. Das wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Übung zu Hause etabliert wird, z.B. am Abend vor dem Schlafen. Studien zeigten, dass diese kleine Übung bereits nach einer Woche Praktizieren eine positive Langzeitwirkung auf das Wohlbefinden hat (Die Macht der guten Gefühle, Fredrickson, 2011 – englischsprachige Ausgabe Positivity, 2009).

Darüber hinaus schlug ich folgende Ideen für das Lernsetting zu Hause vor:

  • gemeinsame „Arbeitsphasen“ gestalten, in denen auch die Eltern an einer Aufgabe sitzen. Das hilft einigen Kindern, da sie nicht gern allein sind und so eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre entsteht
  • beim Alleinarbeiten evtl. spezielle Lernmusik im Hintergrund hören
  • ein Ritual entwickeln, in dem sich das Kind vor dem Beginn etwas aussuchen darf, z.B. 5 Minuten kuscheln, eine Bewegungsübung oder ein kleines Spiel
  • wie oben nur im Anschluss nach dem Lernen
  • auf Pausen achten und diese aktiv gestalten. Was funktioniert besser? Ein kleiner Mini-Snack, eine Bewegungseinheit oder Entspannung? Ausprobieren!
  • mit kleinen Lern-Zeitfenstern beginnen und z.B. mit einer Eieruhr stoppen. Dann langsam steigern
  • die Zeit um das Lernen herum rhythmisieren und immer nach diesem Schema ablaufen lassen. So entsteht eine Gewohnheit, die es dem Gehirn erleichtert sich an weniger attraktive Aufgaben zu setzen
  • die zu erledigenden Aufgaben visualisieren, denn das schafft Überblick. Das hilft vor allem den jüngeren Schülern. Das könnte z.B. in Form von gemeinsam gestalteten Kärtchen für die einzelnen Fächern sein, die vor dem Start von dem Kind auf den Tisch gelegt werden. Sie können in die bevorzugte Reihenfolge gelegt werden, z.B. die leichteste oder schwerste zuerst und nach Fertigstellung wieder zurück in ein Kästchen gelegt werden. So wird der Prozess des Erledigens sichtbar. Vor allem das Weglegen motiviert, weil es bedeutet: „geschafft!“
  • zusätzlich Übungszeiten z.B. Lesen, in kleine Einheiten einteilen

KLEINES GLÜCKS-TRAINING FÜR ZU HAUSE

Ergänzend zeigte ich den Eltern ein Familien-Herausforderungs-Training sowie diverse Übungen bzw. Spiele, in denen es um Stärken und Emotionen geht. Alle sind wie die „Positive Tagesschau“ ohne oder mit wenig Material durchführbar. Diese Aktivitäten haben zum Ziel eigene Stärken zu entdecken, sich derer bewusst zu werden, wohltuende Emotionen zu erleben und gemeinsam nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, diese Momente im Leben zu vervielfachen.

Alles zusammen ist wie ein kleines privates Familien-Glückstraining, dass durch die gemeinsame Durchführung und den Austausch auch die Beziehung stärkt. Letzteres ist ein weiterer Faktor für uns Menschen, der Wohlbefinden, Glücksempfinden und psychische Gesundheit fördert.

Das Coaching-Ziel dahinter ist, dass Felix ICH-Stärke entwickelt und seine Selbstwirksamkeit stärkt sowie dass die Lernzeiten motivierender gestaltet werden. Das führt im Idealfall zu einer höheren Frustrationstoleranz und Anstrengungsbereitschaft.

Broaden and build-Theory im Lerncoaching

„Unsere wahre Aufgabe ist es, glücklich zu sein.“

Dalai Lama

FAZIT

Auch wenn Motivation als Coaching-Anlass genannt wurde und die Schilderungen deutlich machten, dass Felix ganz offensichtlich keine Lust hatte zu lernen, so ist es doch gut dem Kern der Geschichte nachzugehen. Also neugierig zu erforschen, was den Jungen demotivierte.

Im Lerncoaching arbeiten wir ja systemisch-ganzheitlich. Wir berücksichtigen das Umfeld, die ganze Person mit ihrem Potenzial sowie Gefühle und Gedanken. Dabei wiederum beziehen wir das gesamte Sinneserleben mit ein.

Für jüngere Schüler eignen sich einige der kognitiv anspruchsvollen Coaching-Formate noch nicht. Zum einen, weil sie sich nicht so lange konzentrieren können und zum anderen können sie ihre vage Innenwelt noch nicht in Worte fassen. Die Fähigkeit zu reflektieren, also eine Perspektive auf unbewusste Prozesse einzunehmen, entwickelt sich erst später, da sie noch sehr gegenwärtig im hier und jetzt leben. Fragen nach ihren genauen Gedanken und Gefühlen können sie schnell überfordern und damit auch verunsichern. Das gilt es zu vermeiden.

Es gibt jedoch Möglichkeiten, das was Kinder bewegt zu entdecken. Zum Beispiel mit Hilfe von Bildkarten, Geschichten, Zeichnungen, Rollenspiele oder durch achtsames Beobachten bzw. Hinhören. Denn den Gedanken „Die anderen sind sowieso schneller und besser als ich. So gut werde ich wohl nie sein.“ äußerte Felix nebenbei. Wie gut, dass seine Mutter aufmerksam war, denn dieser Gedanke war hinweisgebend.

In vielen Fällen ist ein Coaching mit jüngeren Schülern nicht notwendig. Viel sinnvoller finde ich ein Elterncoaching, damit das ganze System unterstützend in den Veränderungsprozess einbezogen wird.

Natürlich könnte auch die Lehrerin noch mit ins Boot geholt werden. Nur da diese berichtete, dass sie Vergleiche unter den Kindern zu vermeiden versucht und die Kinder selbst ihre Noten und Ergebnisse herumzeigen, erschien mir wichtiger, Felix über seine Eltern zu stärken, damit er selbstsicher mit diesen Leistungsunterschieden umgehen kann.

Felix Mutter schrieb mir noch am gleichen Tag, dass sie vor den Hausaufgaben ein paar Hampelmänner machten. Das hat ihrem Sohn so viel Freude bereitet (förderliche Emotion), dass er sich beschwingt an seine Aufgaben setzte. Manchmal sind es die kleinen Veränderungen, die große Wirkung zeigen.

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