3 SKALEN UND IHRE UNTERSCHIEDE

Das Launometer, wie wir LernCoaches die Skala auch gern nennen, ist eines der wichtigsten Tools in unserer Arbeit. Skalierungsfragen sind einfach goldwert. Die Skala dient nicht nur dem Einschätzen der momentanen Laune, sondern es stehen uns verschiedene Möglichkeiten, wie wir die Skalierungen einsetzen können, zur Verfügung. Der Nutzen von Skalierungsfragen liegt auf beiden Seiten. Du kannst vielfältige Informationen sammeln und der Coachee kann einen Perspektivwechsel vornehmen.

Hier nur einige Vorteile, die Skalierungen ermöglichen:

  • subjektiv-emotionale Einschätzung
  • Diffuses wird konkreter
  • Unbewusstes kann bewusst werden
  • Selbstwahrnehmung wird gefördert
  • Perspektivwechsel
  • Horizonterweiterung
  • Vorher-Nachher-Effekt
  • Lösungsfantasie anregen
  • Ressourcenaktivierung
  • Motivationsbereitschaft klären
  • Zielsicherheit & Zuversicht eruieren
  • Sichtbarwerden von STATUS QUO-Position und Entfernung zum Ziel
  • Überblick und Klarheit
  • Informationssammlung und Konkretisieren des Auftrags
Skalierungsfragen im Coaching wie einen Kompass nutzen

„Gute Fragen sind Gold wert. Sie decken verborgene Begrenzungen auf und öffnen neue Horizonte.
Wer wirksame Fragen entwickeln will, dem hilft die Neugier auf die Welt des Anderen.
Für mich sind Fragen ein Kompass und ein Schöpfungsakt von neuen Möglichkeiten.“

Verfasser unbekannt

EINSATZ VON SKALIERUNGSFRAGEN

IM ERSTGESPRÄCH

Egal ob im telefonischen Erstkontakt oder im Erstgespräch, Skalierungsfragen regen zum Nachdenken an und öffnen für den Coachee neue Horizonte. Die zumeist für den Coachee ungewöhnlichen Fragen aktivieren neue Gedankengänge und weichen einen starren Problemfokus auf. Die Antworten können bereits bevor das eigentliche Coaching beginnt, positiv zu wirken beginnen.

Häufig kommen Kinder, Eltern oder Studenten ziemlich problemorientiert zu ihrem ersten Termin. Der Blick auf die Skalierung hilft, „das Problem“ bewusster einzuschätzen und relativieren. Manchmal zeigt sich, dass die empfundene Befindlichkeit vom Coachee gar nicht so hoch bewertet wird. Sofort wird dadurch etwas Hoffnung geweckt – die tut immer gut!

Und wenn sich der aktuelle Zustand doch belastender zeigt, dann hilft die Skala etwas Distanz zum unangenehmen Sachverhalt herzustellen. Das allein entlastet bereits.

Ich nutze übrigens immer echte Skalen zum Anschauen, denn ich bin überzeugt davon, dass dies vor allem visuellen Menschen hilft, nach innen zu tauchen und nachzuspüren. Außerdem ist eine zusätzliche Konzentration auf die vorgestellte Skala nicht notwendig, denn sie liegt ja auf dem Tisch, auf dem Fußboden oder hängt sichtbar am Whiteboard.

Da einige Coachees zu Beginn bei den für sie ungewöhnlichen Skalierungsfragen etwas verunsichert sind, erwähne ich zusätzlich, dass einige Antworten etwas Zeit zum Nachspüren oder Nachdenken benötigen. Und natürlich, dass es da gar keine richtigen oder falschen Antworten gibt.

Und weil die Skalierung so wunderbar die Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit von eigenen Befindlichkeiten unterstützt, habe ich kleine Skalen zum Mitgeben in der Schublade. So können die Coachees zu Hause oder unterwegs selbständig immer mal wieder prüfen, wie es ihnen geht oder wie sicher sie sich fühlen. Am Ende findest du eine pdf zum Ausdrucken der kleinen Skalen.

Im Coaching mit Kindern und Jugendlichen ist vor allem am Anfang wichtig, deren Sichtweise, Anliegen und Bereitschaft für eine externe Unterstützung zu klären.  Hier ein Auszug aus dem Erstgespräch mit einem 14-jährigen Jungen (Name geändert), der hauptsächlich seinem Vater zuliebe mit zum Erstgespräch kam. Der Vater war bei dem Gespräch nicht dabei.

ICH: „…Auf dieser Skala von 1-10…10 ist in diesem Fall sehr super und die 1 steht für, naja, sehr optimierungsbedürftig  …wie schätzt DU im Moment deine schulische Situation ein?“

JONAS: „Hm…so bei 4-5…das ist jetzt ja schon besser geworden.“

Ich erkundigte mich natürlich, was genau denn jetzt schon besser geworden ist und fragte weiter.

ICH: „Das klingt gut! Ist das mit 4-5 okay so für dich oder wo möchtest du gern hin?

JONAS: überlegt und klingt zögerlich… „Also auf eine 7-8 würde ich schon gern kommen.“

ICH: „Verstehe. Das klingt nach einem Wunsch.“ (Jonas nickt)

Ich lasse weiter einzelne Fächer skalieren. So erfahre ich, in welchen Fächern es gut läuft und wo es hakt bzw. wo Jonas Veränderungsbedarf sieht. Er erklärt mir während des Gesprächs, dass er mündlich mehr mitmachen und auch mehr für Arbeiten lernen „müsste“. Aha!  Ich wiederhole, um zu überprüfen, ob ich alles richtig verstanden habe und frage:

ICH: „Für wie wichtig erachtest du es, deine mündliche Mitarbeit zu erhöhen, um auf die 7-8 zu kommen?

JONAS: „Na so 6.“

ICH: „Und wie wichtig erscheint die die Vorbereitung für Arbeiten?“

JONAS: „Das ist wichtiger…so bei 9!“

Und dann kam die entscheidende Frage:

ICH: „Okay, verstehe. Und wie hoch schätzt du es ein, dass DU das schaffst? Dein Verhalten zu verändern und auf eine 7-8 zu kommen?“

JONAS: „Puh, das ist eine gute Frage!“ Er überlegt lange, „Na da bin ich mir nicht so sicher, ich glaube nur so bei 4.“

BÄNG!

Ein besseres Ergebnis hätte es in Bezug auf die Draufsicht und die Selbsteinschätzung kaum geben können. Frau Prof. Gabriele Oettingen hat übrigens in ihrer Forschung herausgefunden, dass das erfolgreiche Umsetzen eines Vorhabens stark von der persönlichen Zuversicht abhängt. Schätzten Probanden ihre Zuversicht, ihr Ziel in der Zukunft auch wirklich zu erreichen auf der Skala unter dem Wert 5 ein, sank die Chance signifikant, dass es ihnen tatsächlich gelang. Der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit nimmt also einen hohen Stellenwert ein und beeinflusst anscheinend sowohl die Ressourcenaktivierung, wie auch die Anstrengungsbereitschaft.

Für uns als Coaches ist das ein wichtiger Hinweis, bei den Skalierungsfragen darauf zu achten, welche Frage wir wann und wozu stellen. In dem Fall von Jonas lag mein Fokus auf Ressourcenaktivierung mit u.a. der Frage: „Was bräuchtest du, um mit deiner Zuversicht, es schaffen zu können, von 4 auf eine 5 kommst?“ Darüber hinaus lag mein Augenmerk auf eine klare Zielplanung mit sehr kleinen, 100%ig-schaffbaren Zielschritten. Jeder anvisierte Zielschritt wurde skaliert und erst für die Realisierung weiterverfolgt, wenn Jonas ihn bei mindestens 7 einordnete. So lernen Kinder und Jugendliche sich selbst besser einzuschätzen und selbst zu vertrauen.

Skalierungen im Coaching - 3 Skalen und ihre Unterschiede

IN COACHING & BERATUNG

Im LernCoaching selbst kann eine emotionale Selbsteinschätzung das diffuse Bauchgefühl sichtbarer machen „Wie geht es dir bei dem Gedanken an die Abi-Prüfung?“ oder mit „Wenn 10 bedeutet, dass du dein Ziel erreicht hast, wo stehst du im Moment?“ die zu überbrückende Distanz verdeutlichen. Klar ist natürlich, dass es dabei kein Richtig und Falsch gibt, sondern nur subjektive Momentaufnahmen. Dieser Hinweis kann besonders bedeutsam sein, wenn Eltern mit ihren Kindern gemeinsam ins Coaching kommen, um zu verdeutlichen, dass jeder eine eigene Wahrnehmung und Gefühlswelt hat.

VERSCHIEDENE SKALEN

Allerdings stehen neben den diversen Skalierungsfragen, auch verschiedenste Skalen für den kreativen Einsatz zur Verfügung. Besonders häufig wird vermutlich eine Skala von 0-10 oder von 1-10 genutzt. Die bipolare Skala von -10 bis +10 ist dagegen sehr praktisch, jedoch noch nicht so verbreitet. Diese drei verschiedenen Skalen stelle ich hier genauer vor. Sowohl mit ihren Unterschieden wie auch mit einigen Ideen für mögliche Skalierungsfragen.

SKALA 0 bis 10

Die Skalierung von 0-10 ist vielleicht eine der bekanntesten, vor allem im medizinischen und klinischen Therapiebereich. Wenn die Null vorhanden ist, bieten sich Skalierungsfragen an, die stress-, problem- oder schmerzorientiert sind. Weshalb?  Weil wenn ich z.B. frage: „Wie viel Stress hast du von 0 bis 10 mit den Klausurvorbereitungen?“, dann ist es wichtig, dass eine Null vorhanden ist, damit der Stress sich mit entsprechenden Lösungen vollkommen auflösen kann.

Nachteil: Diese Skalierungsfragen enden bei Null. Ich kann meine Coachees mit dieser Skala also nicht in den Ressourcen-Bereich begleiten. Oder, ich müsste die gleiche Skala in die andere Richtung nutzen und könnte fragen: „Wie gut vorbereitet fühlst du dich bereits?“ Ha, VORSICHT! Es gibt eine Null. Wenn du ressourcenorientiert fragst und eine Null ist vorhanden, könnte die Antwort Null lauten. Das wäre eine null-ressourcenvolle Ausgangslage.

SKALA 1 bis 10

Ganz anders sieht es aus, auf einer Skala von 1-10. Wenn ich da ressourcenorientiert frage: „Wie sicher fühlst du dich, wenn du an den Vortrag denkst?“, dann könnte im niedrigsten Falle die Eins genannt werden. Eins ist jedoch vor allem suggestiv mehr als Null. Das fühlt sich viel besser an, als gar nichts! Es bedeutet nämlich, dass schon eine klitzekleine Sicherheit und somit eine Ressource vorhanden ist. Und dort können wir anpacken z.B. mit einem Minischritt: „Was könntest du tun, um auf eine 2 zu kommen?“ Je niedriger die Skalierung, desto wichtiger ist es, erst die nächsthöhere Stufe anzuvisieren, denn alles andere, geschweige denn das Fragen nach dem Erreichen der 10, könnte zusätzlichen Druck ausüben.

Skala 1-10 im LernCoaching

Der Bereich von 1 bis 10 ist unter anderem besonders geeignet bei Verhaltens-, Strategie- und Glaubenssatz-Themen. Beispiele:

Verhalten
„Wie hoch ist deine mündliche Mitarbeit im Moment?“
„Wie hast du es geschafft, von der 5 auf die 7 gekommen?“

Strategie/Fähigkeit
„Wie sicher bist du dir, dass dieses Wort so auch im Duden steht?“
„Wie leicht fällt es dir, bereits konzentriert deine Hausaufgaben zu erledigen?“

Glaubenssätze
„Wie überzeugt bist du jetzt schon von ‚Ich schaff das‘?“
„Wie hoch möchtest du mit deinem neuen Gedanken ‚Ich bleibe cool‘ kommen?“

Nachteil: Problemorientierte Fragen gehen hiermit nicht, weil ja die Null für das vollkommene Lösen des Leidensdrucks fehlt.

SKALA -10 bis +10

Eine bipolare Skala ermöglicht das subjektive Empfinden sowohl im unangenehmen wie auch ressourcenvollen Bereich zu bestimmen. Diese breitgefächerte Skalierung bietet sich vor allem für emotionale Befindlichkeiten an. Es löst das oben genannte Hindernis, denn hiermit sind sowohl stressorientierte wie auch stärkenorientierte Skalierungsfragen möglich. Die Null bildet in der Mitte einen neutralen Zustand ab. Auch diesen Wert finde ich im Coaching bereichernd, denn manchmal ist es eben weder schlecht noch gut, sondern einfach okay.

Im EmotionsCoaching ist diese Skala unverzichtbar, denn ein Leidensdruckthema beginnt meistens im Minusbereich. Wenn der damit verbundene Stress reguliert ist, dann darf doch das subjektive Befinden in dem Ressourcenbereich hochklettern! Wie schön, wenn dieser vorab auf der Skala schon vorhanden ist. Genau das wirkt auch unbewusst und gibt eine hoffnungsvolle Richtung vor.

Bipolare Skalierung im Coaching für Schüler und Studenten

Nachteil: Für mich gibt es keinen. Kritische Stimmen merken jedoch an, dass die Auswahl von -10 bis +10  jüngere Kinder überfordern könnte. Das kann ich bisher nicht bestätigen. Alternativ könnte eine kürzere Skala gebastelt werden oder andere kreative Skalen zum Einsatz kommen. Mehr dazu vielleicht mal später in einem andern Artikel.

SKALEN ZUM AUSDRUCKEN

Und hier, wie oben erwähnt, die Skalen zum Ausdrucken. Ich drucke sie auf festem 300gr-Papier, schneide sie aus und gebe sie meinen Coachees mit.

6 SKALEN ZUM AUSDRUCKEN 

Ich gebe sie vor allem mit dem  Ziel mit, dass die Schüler und Studenten ihre Selbstwahrnehmung trainieren. Denn erst so können sie bewusster wahrnehmen, wenn ihre Befindlichkeit nicht so optimal ist. Das ermöglicht ihnen schneller zu reagieren und gegebenenfalls um Hilfe zu bitten.

Welche Skalen nutzt du am liebsten? Welche Variante hat sich für dich in der Praxis bewährt?

Fröhliche Lerngrüße
von Farida

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