Als Amadeus zu mir ins Lerncoaching kam, war er mitten in der Pubertät, irgendwo zwischen 13 und 14 Jahren. Viel Energie, viele Ideen, viele Konflikte…mit Lehrkräften, mit seinen Eltern, mit sich selbst. 

Von seinem Vater wusste ich, dass Amadeus bereits in der Grundschule die Diagnose ADHS bekam. Um Schulbesuche einigermaßen zu ermöglichen, gehörte auch die Verordnung von Ritalin dazu. Später kamen Ernährungsergänzungsmittel dazu.  

Wie sich wohl ein Kind fühlt, das morgens mit einer Medikamentenbox am Küchentisch sitzt und sich fragt, ob es ohne Tabletten überhaupt leben darf? 

Darüber berichtet Amadeus in einem Interview. Er ist inzwischen erwachsen, arbeitet bei der Feuerwehr, ist verbeamtet, sportlich, reflektiert und hat Wege gefunden, seinen Alltag selbstbewusst zu gestalten. Dieser Artikel ist ein Erfahrungsbericht und eine Einladung, Kinder und Jugendliche mit ADHS nicht vorschnell aufzugeben, sondern mit all ihren Herausforderungen und Potenzialen zu sehen. 

WAS ADHS MIT DEM SELBSTBILD MACHT 

Im Schulalltag wird ADHS oft vor allem über Symptome wahrgenommen: Unruhe, Impulsivität, Konzentrationsschwierigkeiten, Unzuverlässigkeit. Schnell geraten all die Faktoren ins Rampenlicht, in denen ein Kind stört, auffällt oder nicht in den erwarteten Rahmen passt. Zu Hause sieht es ähnlich aus, was zu unzähligen Konflikten führt und Eltern verzweifeln lässt. 

Für Amadeus begann diese Geschichte früh. Diverse Arzttermine, Testungen, viele Gespräche über ihn und vielleicht zu wenig Raum für die Frage, wie es ihm selbst damit eigentlich ging. Mit acht Jahren startete die Medikation mit Ritalin. Nach außen wurde es ruhiger. In seinem Inneren blieb jedoch die unterdrückte Energie…nur eben jeweils zeitweise gedeckelt und eingesperrt. 

Ein Bild aus dem Interview ist mir besonders hängen geblieben. Amadeus nennt diese Zeit „mentale Handschellen". Für das Außen angepasst und ruhiggestellt, den Kopf aber weiterhin voller Gedanken, Impulse und Ideen. Ich finde das zeigt, wie stark ADHS-Medikation das Selbstbild berührt. Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass es gebremst, reguliert oder korrigiert werden muss, entsteht unweigerlich das Gefühl: ‚Mit mir stimmt grundsätzlich etwas nicht. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung.' Die Betroffenen kennen jedoch allein keinen Ausweg. Schon gar nicht, wenn sie so jung sind. Und die Eltern und meisten Lehrkräfte eben auch nicht. Was das Dilemma komplett macht. 

WENN SCHULE VOR ALLEM AUF DAS PROBLEM SCHAUT 

Amadeus beschreibt seine Schulzeit als eine Zeit, in der er oft aneckte. Er war laut, impulsiv, schnell ablenkbar und gleichzeitig witzig, präsent, voller Ideen. Vieles von dem, was ihn ausmachte, wurde in der Schule jedoch vor allem als Störung bewertet. 

Die Reaktionen waren meist vorhersehbar: Ermahnungen, Druck, Strafarbeiten. Also noch mehr sitzen, noch mehr schreiben, noch mehr zusammenreißen. Für ein Kind mit hohem Bewegungsdrang und innerer Spannung ist das wie Öl ins Feuer. Die Energie verschwindet ja nicht, nur weil man sie an den Tisch fesselt. 

Besonders eindrücklich fand ich seine rückblickende Bemerkung, dass eine ganz andere Art von Reaktion ihm wahrscheinlich mehr geholfen hätte: Bewegung, körperlicher Ausgleich, ein sinnvoller Kanal für seine Spannung. Dieser Gedanke führt mitten hinein in eine potenzialorientierte Sichtweise. Nicht: Wie bekommen wir das Verhalten möglichst schnell weg? Sondern: Was zeigt uns dieses Verhalten über das, was dieses Kind gerade braucht? 

EIN WENDEPUNKT: SICH SELBST WIEDER WAHRNEHMEN  

Im Interview erzählt Amadeus von einem Moment, der für ihn ein Wendepunkt war: Er hatte morgens seine Tablette vergessen. Und plötzlich fühlte sich für ihn alles anders an…realer, intensiver, lebendiger. Für die Lehrerin war das ein Zeichen dafür, dass er wieder „zu aufgedreht" sei. Für ihn selbst war es ein Schlüsselmoment. 

Dieser Bericht beschreibt natürlich ausschließlich die persönliche Erfahrung von Amadeus. Er ist keine allgemeingültige Aussage über Ritalin & Co.. Seine Schilderungen zeigen jedoch sehr deutlich, dass oft nur das sichtbare Verhalten betrachtet und bewertet wird und das innere Erleben der Kinder und Jugendlichen keine Beachtung findet.

ELTERN, SORGEN UND GUT GEMEINTE WEGE  

Auch die Beziehung zwischen Amadeus und seinen Eltern war von Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt. Seine Eltern hatten unterschiedliche Sichtweisen auf das, was hilfreich sein könnte. Der Vater war kritisch gegenüber der Medikation und suchte nach Alternativen, die Mutter hielt daran fest.  

Amadeus war ein Junge, um den sich viele Gedanken drehten und über den viele Gespräche geführt wurden. Was ihn selbst jedoch nicht entlastete, sondern vermutlich eher Im Gegenteil, belastete.  

Wenn Kinder morgens schon, wie Amadeus, mit einer Medikamentenbox am Tisch sitzen und spüren, dass ‚ihr Dasein' zum Dauerthema geworden ist, kann sich daraus schnell ein ungünstiges Selbstbild entwickeln. 

Gerade deshalb teile ich die Geschichte von Amadeus, weil sie zeigt, wie wichtig es ist, Kinder nicht nur zu beobachten und zu behandeln, sondern sie auch in ihrer Innenwelt ernst zu nehmen. Was machen Diagnosen mit ihnen? Welche Gedanken haben sie über sich? Welche Schlüsse ziehen sie aus all den Maßnahmen, Gesprächen und Bewertungen? Und welche Worte finden Erwachsene dafür? 

„Wusstest du, dass Stimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin etc.) in Deutschland nur im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie eingesetzt werden darf? Bevor Ärzte es verordnen, sollen andere Maßnahmen wie pädagogische, psychologische oder soziale Hilfen ausgeschöpft oder als nicht ausreichend bewertet worden sein. Außerdem wird empfohlen, die Behandlung durch Expert:innen zu begleiten, die Erfahrung mit ADHS und Verhaltensbesonderheiten haben. Leitlinien und Fachgremien betonen, dass Medikamente immer nur ein Baustein sind, wichtig bleiben auch Psychoedukation, verhaltenstherapeutische Unterstützung und ein gut abgestimmtes Umfeld in Familie und Schule." 

Quelle: https://www.bptk.de/neuigkeiten/strengere-zulassung-von-methylphenidat/

WENN ENERGIE SICH EINEN WEG SUCHT 

In seiner Jugend folgte Amadeus zunächst Wegen, die nicht gerade gesund waren. Musik, Partys, lange Nächte und auch Drogen. All das passte auf eine gewisse Weise zu seinem hohen Energielevel, seiner inneren Geschwindigkeit und dem, was sein Gehirn brauchte. Es war laut, intensiv, schnell, voller Eindrücke. Auf jemanden, dessen System ständig auf Hochtouren läuft, kann genau das eine große Anziehungskraft ausüben. 

Gleichzeitig zehrte diese Phase immer mehr an seiner Substanz. Zu wenig Schlaf, zu wenig Stabilität, ein Körper, der immer weiter aus dem Gleichgewicht geriet, Konflikte mit der Familie. Bis zu dem Moment, an dem er mit 18 vor dem Spiegel stand und spürte: So kann es nicht weitergehen. 

Solche Wendepunkte lassen sich in der Regel nicht planen und noch weniger mit Druck erzeugen. Eine gewisse Portion kritischer Selbstreflexion gehört dazu. Und auch Mut, sich einzugestehen, in einer Sackgasse zu stehen. 

SPORT ALS GAMECHANGER  

Bei Amadeus war es schließlich der Sport, der seinem Leben eine neue Richtung verlieh. Ein Freund nahm ihn mit ins Fitnessstudio. Einmal. Und dieses eine Mal reichte aus, damit er spürte, wie gut ihm das tat. Das Krafttraining ermöglichte Amadeus zu erleben, dass er direkten Einfluss auf den Abbau von Spannung und Anheben seines Wohlbefindens hatte. 

Der Sport wurde für ihn nicht einfach nur zu einer Freizeitbeschäftigung. Er dient als Transformator und zur Selbstregulation. Diese beiden Komponenten wirken anscheinend wie die geeignete Dosierung an Stimulanzien, die Amadeus dabei helfen, sein Leben trotz der übermäßigen Energie und dem Hang zum ‚Schusslig sein' zu managen.  

Für mich ist diese positive Wirkung auch hirntechnisch nachvollziehbar, weil durch z.B. intensiven Sport Botenstoffe ausgeschüttet werden. Und genau diese Botenstoffe scheinen in dem Gehirn von Amadeus regulierend zu wirken. 

Natürlich ist das kein Patentrezept. Ich finde jedoch es zeigt auf – und das ist keine neue Erkenntnis – dass Kinder und Jugendliche mit einer ADHS-Symptomatik passende Bedingungen benötigen, in denen ihre Energie nicht nur gebremst und ihr Potenzial nicht gedeckelt, sondern genutzt werden kann. 

UMWEGE FÜHREN AUCH ZUM ZIEL   

Die Schulkarriere von Amadeus lief nachvollziehbarerweise nicht geradlinig, sondern ziemlich holprig. Mehrere Schulwechsel, Stress mit Lehrern, Auseinandersetzungen mit seinen Eltern, Unsicherheiten und Umwege.  

Und doch zieht sich durch seine Geschichte etwas sehr Bemerkenswertes: Amadeus blieb irgendwie dran. Er gab nicht auf und ließ sich nicht unterkriegen. Er probierte aus und schloss Angefangenes ab. Besonders eindrucksvoll finde ich, dass er eine schulische und berufliche Station auch dann zu Ende brachte, als ihm schon klar war, dass sie nicht sein endgültiger Weg sein würde.  

Darin steckt eine wichtige Botschaft für Jugendliche, die sich selbst oft als chaotisch, sprunghaft oder „nicht richtig" erleben: Nicht jeder Lebensabschnitt muss das große Ziel verfolgen. Manches ist einfach eine Etappe auf dem Weg zum nächsten (größeren) Ziel.  

Diese Perspektive darf auch Eltern entlasten. Entwicklung muss nicht perfekt verlaufen, um dass Kinder ‚ihren Weg' finden und gehen. Nicht leicht, jedoch wichtig ist: den Druck herauszunehmen. Kinder und Jugendliche, egal mit welcher Symptomatik und mit welchen Besonderheiten, benötigen vor allem Rückenstärkung, das Gefühl akzeptiert zu werden, eine individuell-passende Unterstützung, Geduld und Vertrauen, sowie dass an sie geglaubt wird.

WENN ETWAS GEFUNDEN WIRD, WAS PASST  

Heute arbeitet Amadeus bei der Feuerwehr. Als er im Interview davon erzählt, wird deutlich, wie sehr dieser Beruf zu ihm passt: körperliche Aktivität, Teamgeist, Spannung, Herausforderungen, Verantwortung, klare Abläufe und zugleich genug Abwechslung. Seine Energie ist dort nicht zu viel, sondern in vieler Hinsicht genau richtig. 

Das ist für mich einer der stärksten Erkenntnisse aus seinem Erfahrungsbericht. Manchmal verändert sich nicht zuerst der Mensch, sondern der Kontext. Das veränderte Umfeld mit neuen (passenden) Bedingungen ermöglichen, dass ein Mensch aufblühen kann. Denn plötzlich wird aus dem, was vorher nur als Problem galt, etwas sehr Nützliches. 

Darüber hinaus berichtet Amadeus, dass er auch heute noch mit den anstrengenden Seiten seiner Besonderheiten zu tun hat: Schusseligkeit, Impulsivität, die Notwendigkeit von Listen und Routinen. Er beschreibt sich in keiner Weise als defizitär. Er hat gelernt, sich realistisch zu sehen: mit Ecken und Kanten, mit Strategien und mit Verantwortung für sich selbst. 

WELCHE STÄRKEN HABEN AMADEUS GEHOLFEN? 

Wenn ich heute auf den Jungen von damals und den erwachsenen Amadeus von heute blicke, dann ist da vor allem eines: tiefer Respekt und Hochachtung. Weil er trotz vieler Umwege, Krisen und Zuschreibungen ehrlich in den Spiegel schaut, reflektiert und seinen Weg sehr erfolgreich geht. 

Sicherlich spielt in seinem Fall das Zusammenspiel positive Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel, dass er zweimal zur ‚richtigen Zeit am richtig Ort' war und von Freunden Informationen bekam und diesen nachging (Ausbildung und Sport). Dazu gehörte meines Erachtens, dass Amadeus eine seiner vielleicht stärksten Fähigkeiten nutzte: nämlich seinen guten, intuitiven Selbstzugang (Intrapersonale Intelligenz) …also wahrzunehmen, dass das, was ihm präsentiert wurde, eine Chance darstellte. Diese dann zu ergreifen und zu verfolgen, benötigt eine Portion Entdeckerfreude oder Abenteuerlust, vielleicht auch die Freude am Lernen und Erfahrungen zu sammeln…dann wird es nämlich nicht langweilig im Leben 😃 Ach und sicherlich auch noch Mut, selbst nach steinigen Umwegen Neues zu wagen.  

Amadeus selbst benennt auch sein Durchhaltevermögen und seine Zielstrebigkeit. Das er sich beides bewahrt hat, finde ich bewundernswert. Seine erreichten Etappen haben ihm jeweils ‚Recht gegeben' und diese Stärken gestärkt.  

Und ich gehe davon aus, dass Amadeus neben einer ausgeprägten Kreativität über eine hohe Interpersonale Intelligenz verfügt, sich als gut in andere hineinversetzen kann. Was ihn vermutlich zu einem Sympathieträger macht, den ‚man' sofort mag und mit dem man gern Zeit verbringt. 

Da ich die Eltern von Amadeus mehr oder weniger gut kenne, meine ich, dass er viele dieser obengenannten Eigenschaften durchaus seinen Eltern zu verdanken hat…auch wenn das für beide Seiten nicht immer erkennbar war oder ist. Was er daraus bis heute macht, ist jedoch sein eigener verdienst! Also ich an deren Stelle, wäre stolz auf ihn…und bin es tatsächlich auch aus der Ferne ein wenig! 

SCHAU DAS INTERVIEW MIT AMADEUS HIER AN

ANMERKUNG: Die Stelle, an der es um Ritalin als Amphetamin geht, ist nicht ganz korrekt. Beides sind zentrale Stimulanzien und werden als Medikamente bei ADHS eingesetzt. Ritalin als Methylphenidat bei Kindern und Amphetamine bei Erwachsenen.

🎥 1:04:12 Min.

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FAZIT

Amadeus' Geschichte ist kein Rezept und keine Schablone. Sie ist ein Erfahrungsbericht, wie das Leben mit extrem hoher Energie empfunden wird, welche Auswirkungen Medikation auch haben kann und welche Chancen in Menschen stecken.  

Mich erinnert dieses Interview daran, wie wichtig ein potenzialorientierter Blick ist. Kinder und Jugendliche mit einer ADHS-Symptomatik brauchen Erwachsene, die dranbleiben, Entwicklung für möglich halten und ihnen helfen, ihren eigenen Weg zu finden.  

Für mich steckt darin eine wichtige Erinnerung für alle, die Kinder und Jugendliche begleiten: Hinter auffälligem Verhalten liegt oft weit mehr als ein Problem. Da sind Bedürfnisse. Da sind unverstandene Signale. Da ist Energie, die einen Kanal sucht. Da ist oft auch ein junger Mensch, der sehr genau spürt, ob Erwachsene nur sein Verhalten korrigieren wollen oder ob sie wirklich sehen, wer er ist. 

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieses Interviews: Kinder und Jugendliche mit ADHS-Besonderheiten brauchen Menschen, die nicht vorschnell aufgeben. Menschen, die genauer hinschauen. Menschen, die nicht nur nach Defiziten fragen, sondern auch nach Potenzialen. Und Menschen, die daran glauben, dass Entwicklung auch dann möglich ist, wenn der Weg dorthin alles andere als gerade verläuft. 

DREI GENIALE COACHING-FORMATE – AUCH FÜR ADHS

Die folgenden drei Formate setzten auf der mentalen Ebene an und eignen sich für den Einsatz im Coaching oder der Lerntherapie, damit Schüler:innen, die z.B. mit einer ADHS-Symptomatik zu kämpfen haben, sich zukünftig besser steuern, regulieren und leichter organisieren zu können.

Die kleine Lernzeit - Swish - ein Coaching-Format aus dem NLP
STOP AND GO - Ein Coaching-Format für Lerncoaches, Lerntherapeuten und Kindercoaches als Videokurs
Wunschverhalten-Strategie_Fortbildung online für Lerncoaches, Lerntherapeuten und andere Lernbegleiter. Ein Angebot der Lerncoach-Profibox

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