Vera F. Birkenbihl sprach in vielen ihrer Vorträge von „neuronal langsamen“ und „neuronal schnellen“ Menschen. Gemeint war damit kein Urteil über Intelligenz, sondern eine grundlegende biologische Eigenschaft: das individuelle Tempo der Informationsverarbeitung. Dieser Gedanke stammte aus ihrem Verständnis der Lernpsychologie und aus dem Intelligenzmodell von David Perkins, das sie populär machte. 

WAS BIRKENBIHL UNTER NEURONAL LANGSAM UND NEURONAL SCHNELL VERSTAND

Vera F. Birkenbihl meinte damit, dass Menschen unterschiedlich schnell auf Neues reagieren. Neuronal schnelle Personen können neue Informationen rasch aufnehmen und verarbeiten. Neuronal langsame Personen benötigen bei neuen Aufgaben mehr Zeit, können jedoch bei vertrautem Stoff ebenso schnell oder sogar schneller denken. 

Wichtig war ihr der Hinweis, dass diese Unterschiede nichts über die Intelligenz aussagen. Menschen, die langsamer in neue Themen hineinkommen, fühlen sich häufig zu Unrecht „dumm“, obwohl ihr Gehirn lediglich ein anderes Grundtempo hat. Birkenbihl betonte daher, dass das Lerntempo angeboren, die Lernfähigkeit jedoch nicht begrenzt sei. 

Gibt es neuronal langsame und neuronal schnelle Lernende nach Vera F. Birkenbihl

DIE THEORETISCHE GRUNDLAGE: PERKINS’ MODELL DER LERNBAREN INTELLIGENZ 

Birkenbihl knüpfte an das Dreifaktoren-Modell des Harvard-Forschers David Perkins an. Darin spielt die neuronale Geschwindigkeit als biologisch festgelegter Faktor eine Rolle. Die beiden anderen Faktoren – Wissensbasis und Lernstrategien – sind lern- und veränderbar. 

Diese Sichtweise entspricht aktuellen Erkenntnissen der Kognitionspsychologie: Menschen unterscheiden sich in ihrer Verarbeitungsgeschwindigkeit, doch Wissen und Strategie können diese Unterschiede kompensieren. Birkenbihl zeigte damit, dass Lernkompetenz weit mehr ist als angeborene Begabung. 

EINORDNUNG IN HEUTIGE WISSENSCHAFTLICHE KONZEPTE 

Aus heutiger Sicht fügt sich Birkenbihls Ansatz gut in Modelle der Informationsverarbeitung und Intelligenzforschung ein. Die Unterscheidung neuronal schnell/langsam ähnelt der bekannten Unterscheidung zwischen schneller, impulsiver und langsamer, reflektiver Verarbeitung. 

Ebenso passt ihr Ansatz zur Unterscheidung zwischen fluider Intelligenz (schnelles Erfassen von neuen Informationen) und kristalliner Intelligenz (Wissen und Erfahrung). Birkenbihl setzte diese Komponenten in Beziehung und machte deutlich, dass Lernen durch Wissen, Übung und Strategie gesteuert werden kann. Vollkommen unabhängig vom neuronalen Grundtempo.

BEDEUTUNG IN LERNPROZESSEN

Für Lerncoaches, Lerntherapeut:innen und Lehrkräfte ergibt sich aus dieser Unterscheidung eine wichtige Konsequenz: Es ist wichtig das individuelle Lerntempo zu erkennen, zu respektieren und als persönliche Eigenschaft zu verstehen. Wer versucht, Lernende auf ein unpassendes Tempo zu drängen, erzeugt Stress, Selbstzweifel und Blockaden. 

Für Lernende selbst ist diese Erkenntnis entlastend: Viele verstehen erst durch diese Erklärung, warum ihnen der Einstieg in Neues schwerfällt, und dass dies kein Defizit ist. Gerade langsamere Lerner profitieren davon, wenn sie Schritt für Schritt, mit Wiederholung, Pausen und Wissensaufbau arbeiten. Schnellere Lerner brauchen hingegen Herausforderungen, Tiefe und Reflexionsaufgaben, um echte Lernkompetenz aufzubauen. 

🔶 Lerntempo erkennen, akzeptieren und kommunizieren

🔶 Methoden und Lernstrategien individuell wählen lassen

🔶 Multisensorisches Lernen fördern

🔶 Langsameren mehr Struktur und Wiederholung ermöglichen 

🔶 Für schnellere Lernende anspruchsvolle Aufgaben bereithalten

🔶 Selbstwert stärken: Das Tempo ist angeboren, die Lernfähigkeit trainierbar

Die Haltung ist entscheidend: Jeder Mensch kann erfolgreich lernen, wenn er in seinem eigenen Tempo arbeiten darf. 

Wer neuronal langsamer lernt, ist nicht weniger begabt – sein Gehirn braucht beim Einstieg in Neues lediglich mehr Zeit.

DENKGESDCHWINDIGKEIT BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN

Bei Kindern und Jugendlichen ist Verarbeitungsgeschwindigkeit kein festes, unveränderliches Merkmal, sondern Teil einer sich entwickelnden kognitiven Reifung. Studien zeigen, dass sich Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis und schulische Leistung über die Entwicklung hinweg gegenseitig beeinflussen.

Gerade im Jugendalter reift das Gehirn noch weiter aus, besonders die Verbindungen für Aufmerksamkeit, Selbststeuerung und kognitive Kontrolle. Deshalb kann ein Kind oder Jugendlicher bei neuen Aufgaben langsamer wirken, ohne dass das etwas über Begabung oder Potenzial aussagt.

WELCHE FAKTOREN DIE DENKGESCHWINDIGKEIT BEEINFLUSSEN

Die Denkgeschwindigkeit hängt nicht nur von angeborenen Unterschieden ab, sondern auch von Aufmerksamkeit, Schlaf, Stress, Motivation und kognitiver Belastung. Müdigkeit, Angst und hoher Zeitdruck können die Verarbeitung deutlich verlangsamen, während gute Struktur und passende Übung sie erleichtern.

Hinzu kommt: In der Schule wirkt nicht nur das individuelle Tempo, sondern auch die Art der Aufgabe. Unübersichtliche Arbeitsaufträge, unbekannte Inhalte und viel Sprachlast erhöhen die Belastung deutlich, während vertraute Routinen das Tempo oft sichtbar steigern.

WIE ARBEITSGEDÄCHTNIS UND DENKGESCHWINDIGKEIT ZUSAMMENHÄNGEN

Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit hängen eng zusammen. Forschung zeigt, dass ein großer Teil von Leistungsunterschieden im Kindes- und Jugendalter mit diesen beiden Funktionen erklärt werden kann, wobei sie teils gemeinsam, teils auch mit eigenem Einfluss auf schulische Leistungen wirken.

Praktisch bedeutet das: Wenn ein Kind Informationen nicht schnell genug aufnehmen, halten und weiterverarbeiten kann, wirkt es oft „langsam“, obwohl das eigentliche Problem eher in der begrenzten Zwischenspeicherung oder in der kognitiven Entlastung liegt. Besonders deutlich wird das bei Kopfrechnen, Textverständnis, mehrschrittigen Anweisungen, Schreiben unter Zeitdruck und beim Mitschreiben im Unterricht.

LERNTEMPO VERSTEHEN: WICHTIG FÜR DIE LERNBEGLEITUNG

Für Lernbegleiterinnen ist dieses Wissen zentral, damit langsames Arbeiten nicht vorschnell als fehlende Motivation, Unreife oder Trödeln gedeutet wird. Forschung und Praxisberichte zeigen, dass Kinder mit langsamer Verarbeitung unter schulischem Zeitdruck, Frustration und sinkendem Selbstwert leiden können, wenn ihr Tempo nicht verstanden wird.

Ein lernbegleitender Blick auf das individuelle Lerntempo hilft deshalb, Verhalten besser einzuordnen, Eltern darüber zu informieren und passgenau zu unterstützen. Statt Druck aufzubauen, sind klare Struktur, Entlastung des Arbeitsgedächtnisses, mehr Bearbeitungszeit und visuelle oder schriftliche Hilfen hilfreicher. Auch ein Gehirntraining mit Bewegung, wie Life Kinetik, kann helfen die Auffassungsgabe und Arbeitsgeschwindigkeit des Gehirns zu verbessern.

VERARBEITUNGSGESCHWINDIGKEIT BEIM LERNEN

Für die Lernpraxis heißt das, nicht nur am Tempo allein anzusetzen, sondern an den Bedingungen, unter denen Lernen leichter gelingen kann. Besonders hilfreich sind kurze Arbeitsaufträge, Zwischenschritte, Wiederholungen und Pausen zur Verarbeitung.

Gerade für Lernende mit langsamerem Tempo gilt: Langsamkeit ist keine Schwäche, sondern eine individuelle Form der Informationsverarbeitung. Schneller Lernende brauchen dagegen oft Tiefe, Reflexion und anspruchsvollere Aufgaben, damit ihr Lernen nicht nur schnell, sondern auch tragfähig wird.

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Zu Beginn der Menschheit wurden Bilder genutzt, Schrift kam erst sehr viel später. Bilder kann das Gehirn sehr schnell erfassen, verarbeiten und mit dazugehörenden Informationen verankern. Sketchnotes helfen im Coaching oder im Unterricht Informationen zu verbildlichen und beim Lernen hilfreiche Notizen zu erstellen. Auch Lehrmaterialien, Flyer oder Coaching-Karten lassen sich damit individuell gestalten. Um Sketchnotes, also Wort-Bild-Notizen, anzufertigen, braucht man nicht zeichnen zu können, denn wer schreiben kann, kann auch Sketchnotes erstellen!

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