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EMPATHIE ist bekannt als Einfühlungsvermögen in andere Menschen: die Fähigkeit, Gefühle, Perspektiven und Bedürfnisse im Gegenüber wahrzunehmen, zu verstehen und darauf resonant zu reagieren. Ohne Empathie bleiben Beziehungen flach, pädagogische Prozesse rein kognitiv und therapeutische Allianzen oft wirkungslos; mit Empathie entsteht Resonanz, Verbindung und Vertrauen.

IMPATHIE richtet diesen einfühlenden Blick nach innen. Sie bezeichnet die Fähigkeit, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Körperzustände bewusst wahrzunehmen, zu verstehen und wertschätzend mit ihnen umzugehen. Man könnte sagen: Empathie fragt „Wie geht es dir?“, Impathie fragt „Wie geht es mir?“ oder „Wie gehe ich gerade mit mir um?“ und bildet damit die Basis für Selbststeuerung, Resilienz und eine gesunde Beziehung zu sich selbst.

Impathie ist eine bedeutsame Kompetenz, für die es sich lohnt zu fragen, wie Kinder und Jugendliche dabei unterstützt werden können, diese zu entwickeln!

INHALT  TEIL 1

Dieser Beitrag ist etwas länger geworden, da ich u.a. Vergleiche zu anderen Ansätzen hinzugezogen habe. Deshalb gibt es Teil 1 und 2. Hier ein Überblick zu Teil 1:

🔶 Was genau ist Impathie?
🔶 Ein kurzer Blick in die Forschung
🔶 Die Impathie-Schritte: In Beziehung mit sich selbst
🔶 Der Impathie-Timer: Die kleine Pause für mehr Selbstwahrnehmung
🔶 Warum Impathie für Lernen und Lehren wichtig ist
🔶 Impathie in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen
🔶 Übung: Körper-Ampel
🔶 Überblick Teil 2

WAS GENAU IST IMPATHIE?

Impathie lässt sich als „nach innen gerichtete Empathie“ beschreiben: eine Form der Beziehungsgestaltung zwischen dem wahrnehmenden Ich und den eigenen inneren Erfahrungen. Es ist ein mehrschrittiger, innerer Prozess, der in der Literatur unterschiedlich beschrieben wird. Hier ein 4-Schritte-Modell, das sich besonders gut mit Achtsamkeit, GFK und Lerncoaching verknüpfen lässt (in Teil 2 genauer erläutert).

1.   Bewusstes Wahrnehmen
2.  Benennen
3.  Verstehen und Einordnen
4.  Wohlwollend antworten

Empathie-Impathie

EIN KURZER BLICK IN DIE FORSCHUNG

Der Begriff wurde von Prof. Dr. Stefanie Neubrand als eigenständiges psychologisches Konstrukt entwickelt. Erste Veröffentlichungen dazu erschienen 2013 und 2014. Ihre Dissertation wurde 2021 an der Universität Basel veröffentlicht. Gemeinsam mit Jens Gaab stellte sie das Konzept 2022 in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology ausführlich vor.

Neubrand und Gaab sprechen von einem bislang „fehlenden Konstrukt“, weil die Psychologie zwar viele Konzepte zur Wahrnehmung und Regulation des eigenen Erlebens kennt, die nach innen gerichtete Entsprechung der Empathie jedoch lange keinen klar definierten, eigenen Begriff hatte.

Die Impathie-Forschung steckt noch in den Anfängen, aber die Richtung ist eindeutig: Menschen mit ausgeprägter Impathie berichten über weniger Angst- und Depressionssymptome und zeigen eine höhere psychische Stabilität. Darüber hinaus wird angenommen, dass Impathie die Voraussetzung für Empathie darstellt. Praxisorientierte Felder wie Resilienz‑Trainings, Coaching oder Leadership‑Programme greifen das Konzept auf und integrieren Mikro‑Übungen wie kurze Selbst‑Check‑ins („Impathie‑Timer“ – s.u.) in den Alltag, um die Fähigkeit zur wohlwollenden Selbstwahrnehmung systematisch zu stärken. So verbindet sich wissenschaftliche Perspektive mit konkreten Werkzeugen für die persönliche und berufliche Praxis.

Mikro-Impathie-Übungen können in Lerncoaching oder Lerntherapie
integriert und gezeigt werden. Sie lassen sich hervorragend
zu Hause oder im Unterricht durchführen.

DIE IMPATHIE-SCHRITTE: IN BEZIEHUNG MIT SICH SELBST

Impathie ist ein innerlicher Prozess. Diesen kann jede:r mit sich selbst bewusst durchlaufen. Ähnlich wie ein inneres Gespräch. Die folgenden vier Schritte verwandeln spontane emotionale Reaktionen in einen empathischen Selbstkontakt. Mit etwas Übung können sie in wenigen Sekunden innerlich durchlaufen werden und lassen sich gut in Alltagssituationen, Unterricht oder Coaching integrieren.

1.  Wahrnehmen

Zuerst geht es darum, überhaupt zu bemerken, was gerade in dir geschieht: körperlich, emotional, gedanklich. Beobachte nur, ohne zu benennen oder zu bewerten und frage dich:

🔸 Was spüre ich im Körper?
🔸 Welche Gefühle sind da?
🔸 Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?

2.  Benennen

Nun finde Worte für deine inneren Erfahrungen. Benenne deine Körperwahrnehmung, Gefühle und Gedanken so konkret wie möglich – z.B.: „Ich habe einen Kloß im Hals.“ oder „Ich bin angespannt und wütend“ oder „Ich fühle mich gerade überfordert und unsicher“. Das Benennen schafft Klarheit und macht das Erleben greifbarer.

3.  Verstehen und Einordnen

Erforsche im dritten Schritt, was diese Empfindungen und Gedanken ausgelöst hat:

🔸 „Welche Situation oder Erinnerung hängt damit zusammen?“
🔸 „Was hat dieses Gefühl / diesen Gedanken verursacht?“
🔸 „Worauf will mich das aufmerksam machen?“
🔸 „Welches Bedürfnis ist/war nicht erfüllt?“

Hier geht es nicht um Analyse im Sinne von Problemwälzen, sondern um ein verstehendes Sortieren deiner inneren Lage.

4.  Wohlwollend antworten

Der Kern von Impathie liegt in der Art, wie du auf dich reagierst. Statt dich zu kritisieren („Reiß dich zusammen“), antworte dir innerlich mit einer freundlichen, annehmenden Haltung, wie „Es ist okay, dass ich gerade überfordert bin.“ Du könntest weiterfragen: „Was brauche ich jetzt oder kann ich tun, damit es mir etwas besser geht?“

Diese freundliche Reaktion kann in Worten, einer kleinen Handlung (Pause, Bewegung, tiefes Atmen) oder in einer bewussten Entscheidung erfolgen.

DER IMPATHIE-TIMER: DIE KLEINE PAUSE FÜR MEHR SELBSTWAHRNEHMUNG 

Eine einfache Möglichkeit Impathie regelmäßig in den Alltag einzubauen, ist der sogenannte ‚Impathie-Timer', entwickelt von Stefanie Neubrand. 

Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Stelle dir auf deinem Smartphone in regelmäßigen Abständen – beispielsweise alle 20 Minuten oder in einem für dich passenden Rhythmus – eine Erinnerung ein. Ein angenehmer Gong oder ein leiser Signalton eignet sich dafür besonders gut (es gibt tolle Apps dafür). 

Sobald das Signal ertönt, unterbrichst du für einen kurzen Moment deine Tätigkeit. Lehne dich entspannt zurück, atme ruhig ein und aus und schenke dir ein sanftes Lächeln. Dabei spielt es keine Rolle, ob dir gerade danach ist. Allein die entspannte Mimik kann bereits dazu beitragen, deinem Nervensystem ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. 

Richte anschließend deine Aufmerksamkeit nach innen und stelle dir nacheinander drei Fragen: 

Kann ich spüren, dass meine Hände lebendig sind – ohne sie anzusehen oder zu bewegen?
2  Kann ich ebenso die Lebendigkeit meiner Füße wahrnehmen – ohne sie anzusehen oder zu bewegen?
3  Kann ich schließlich meinen gesamten Körper als lebendig und präsent erleben? 

Sobald du diese innere Wahrnehmung gefunden hast, kehrst du wieder zu deiner ursprünglichen Tätigkeit zurück. Die Übung dauert oft nur wenige Sekunden, manchmal ein oder zwei Minuten. 

Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie lässt sich nahezu überall durchführen – im Büro, im Unterricht, in einer Besprechung oder zu Hause – ohne dass andere überhaupt bemerken, dass du gerade einen achtsamen Moment bewusster Selbstwahrnehmung erlebt hast. Mit der Zeit können diese kleinen Unterbrechungen dazu beitragen, die Verbindung zum eigenen Körper zu stärken und sich auch in herausfordernden Situationen schneller wieder zu regulieren. 

WARUM IMPATHIE FÜR LERNEN UND LEHREN WICHTIG IST

Lernen ist immer auch ein emotionaler Prozess! Aufmerksamkeit, Motivation und Gedächtnis hängen stark davon ab, ob das Nervensystem sich sicher, gesehen und reguliert fühlt. Impathie unterstützt diese innere Regulation, weil Lernende ihre eigenen Zustände wie Überforderung, Langeweile oder innere Blockaden früher bemerken und angemessen darauf reagieren können. 

Für Lehrkräfte und Lerncoaches ist Impathie für die Professionalität sowie für eine gesunde Selbstregulation wichtig. Wer die eigene Belastung, innere Anspannung oder Müdigkeit wahr- und ernst nimmt, kann Grenzen gesund setzen, präsenter bleiben und Überidentifikation mit den Problemen der Lernenden vermeiden. So entsteht eine Lernumgebung, in der sowohl die Fachkraft als auch die Kinder und Jugendlichen psychisch arbeitsfähig bleiben, statt still in Erschöpfung oder Widerstand abzurutschen. 

IMPATHIE IN DER BEGLEITUNG VON KINDERN UND JUGENDLICHEN

Impathie lässt sich in der pädagogischen Arbeit auf zwei Ebenen verankern:

🔶 als Kompetenz der Fachkraft

🔶 als Entwicklungsziel der Kinder und Jugendlichen

LERNBEGLEITER:INNEN können vor dem Kontakt impathische Selbst‑Check‑ins nutzen…

🔸 „Wie bin ich gerade drauf?“
🔸 „Was brauche ich jetzt?“
🔸 „Wie kann ich für etwas Besserung sorgen?“

…um in herausfordernden Situationen handlungsfähig und zugewandt zu bleiben.

KINDER UND JUGENDLICHE profitieren von einfachen Übungen zur emotionalen Selbstwahrnehmung wie etwa…

🔸  Die Körper‑Ampel (Anleitung unten)
🔸  Gefühlsskalen & Bildkarten
🔸  Kurzen Reflexionsfragen („Wo in meinem Körper spüre ich das gerade?“)

…die regelmäßig im Einzelsetting oder Unterricht integriert werden. Besonders für neurodiverse junge Menschen sind solche Impathie‑Routinen eine wichtige Ressource, um ihre Emotionen benennen, regulieren und Lernprozesse aktiv mitgestalten zu können.

ÜBUNG: KÖRPER-AMPEL

„Körper‑Ampel“ ist kein fest definierter Fachbegriff, sondern ein bildhaftes Modell: Der Körperzustand wird wie eine Verkehrsampel in grün, gelb und rot eingeteilt, um Kinder, Jugendliche (und Erwachsene) dabei zu unterstützen, ihre körperlichen Signale schnell einzuschätzen.

🟢 Der Körper ist reguliert: die Atmung ruhig, Muskeln entspannt, der Herzschlag angenehm, das Denken klar. Das ist der Zustand, in dem Lernen, Dialog und komplexe Aufgaben gut möglich sind.

KÖRPER-AMPEL - ein Übung um Impathie und Selbstmitgefühl zu fördern

🟡 Der Körper fährt hoch oder runter: leichte Anspannung, Nervosität, Müdigkeit, innere Unruhe, „Zerstreutheit“ oder leichte Aufregung (positiv oder negativ). Diese Wahrnehmungen stehen für: „Ich halte kurz inne, bevor ich weitermache.“

🔴 Der Körper ist im Alarm‑Modus: starke Anspannung, Herzrasen, „Blackout“, hohe Überforderung, innere Starre oder Panik. In Rot geht es nicht mehr um Leistung, sondern um Schutz und Regulation: eine Pause, Bewegung, Atmen, sichere Beziehung oder Unterstützung.

Das Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche lernen, ihren Zustand zu „checken“: „Bin ich gerade eher grün, gelb oder rot?“

Je nach Farbe werden gemeinsam passende Impathie‑Schritte oder Selbstregulations‑Strategien gefunden und verabredet (z. B. bei Gelb: kurze Atempause, Trinken, Positionswechsel, bei Rot: raus aus der Situation, sicheren Anker aktivieren, Körper beruhigen, um Hilfe bitten).

Damit verbindet die Körper‑Ampel somatische Achtsamkeit mit Impathie: körperliche Signale werden wahrgenommen, benannt und als Anlass für eine wohlwollende Antwort auf sich selbst genutzt, statt ignoriert oder abgewertet zu werden.

KÖRPER-AMPEL - ein Übung um Impathie und Selbstmitgefühl zu fördern

IMPATHIE-RITUAL ODER -TRAINING

Ich habe mit Hilfe von OpernAI den Körper-Anker visualisieren lassen. Du kannst ihn hier runterladen. Ideal, um als Impathie-Ritual oder -Training einzusetzen. Die Visualisierung kann natürlich auch mit nach Hause gegeben werden.

IN TEIL 2 GEHT ES WEITER

🔶  Impathie und Gewaltfreie Kommunikation
🔶  Impathie und Achtsamkeit
🔶  Impathie und Intrapersonale Intelligenz nach Howard Gardner
🔶  Impathie in der Positiven Psychologie
🔶  Impathie und das Mesource@-Modell
🔶  Impathie-Trainingsideen für Kinder und Jugendliche

Beitrag folgt in Kürze

Videokurs

DAS STÄRKENGESPRÄCH

Ein ressourcenorientiertes Coaching-Format aus der Positiven Psychologie für Lerncoaching, Lerntherapie und Kinder- und Jugendcoaching. Auch diese Intervention trägt dazu bei, die Reflexions- und Impathie-Fähigkeit zu fördern.

STÄRKEN SICHTBAR MACHEN.
RESILIENZ STÄRKEN.
Die 24 Charakter-Stärken zählen zu den zentralen Modellen der Positiven Psychologie.
Das Stärken-Gespräch zeigt eine konkrete Einsatzvariante, um innere Ressourcen gezielt zu entdecken und im Coaching wirksam zu aktivieren.

#4_Stärken-Gespräch_Copecart_Videokurs

QUELLEN UND WEITERFÜHRENDES

Resilienz Akademie: ‚Empathie & Impathie – ein Schlüssel für mehr Resilienz?‘
🔗 YT-Interview mit Dr. Stefanie Neubrand
humansarehappy: ‚Was ist Empathie?‘
🔗 Podcast-Folge mit Dr. Stefanie Neubrand

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