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WIE AUSSEN- UND INNENBEDINGUNGEN DAS LERNEN PRÄGEN
Als Lerncoach oder Lernbegleiter:in kennst du das wahrscheinlich: Lernende, die sich gut vorbereitet haben, „wissen eigentlich alles" und doch fürchten sie sich vor der Prüfung. Bereits Wochen vorher plagen sie sich mit der Befürchtung, ihr Kopf könnte leer sein, wenn es darauf ankommt zu zeigen, was sie wissen und gelernt haben. Selten liegt das in solchen Fällen an einer unzureichenden, inhaltlichen Vorbereitung, sondern daran, dass das Gehirn den Lernstoff an bestimmte Situationen und Zustände bindet.
Vera F. Birkenbihl hat dieses Phänomen als „Tapeten-Effekt" beschrieben: Das Gehirn lernt nie nur Inhalte, sondern immer auch die „Tapete" drumherum… also inklusive der Außen- und Innenbedingungen, die später als Anker dienen können.
In diesem Blogimpuls erfährst du, wie du diesen Effekt deinen Coachees und Lernenden erklären und gemeinsam mit ihnen praktisch nutzen kannst.
WAS IST DER TAPETEN-EFFEKT?
Beim Tapeten-Effekt geht es darum, dass das Gehirn beim Lernen nicht nur den eigentlichen Stoff, sondern die gesamte Umgebung mitspeichert. Wie eine Art mentale Tapete. Dazu gehören z.B. Raum, Lichtverhältnisse, Geräusche, Kleidung, Getränke oder Musik, die während des Lernens vorhanden sind. In der kognitiven Psychologie spricht man hier von „inzidentellem Lernen" bzw. kontextabhängigem Erinnern. Es geht beim Lernen also nie nur um das „Was", also die Lerninhalte, sondern auch das „Wie" und das „Wo".
EIN BEISPIEL AUS DEM ALLTAG
Vielleicht kennst du so etwas: Du bist beim Haare föhnen, schaust in den Spiegel und dir fällt ein, dass du noch unbedingt einen Termin in der Werkstatt vereinbaren willst, damit das Auto für die Reise fit gemacht wird. Gleich beim Frühstück willst du dir eine Erinnerung in den Kalender eintragen. Zehn Minuten später stehst du an der Kaffeemaschine und versuchst dich krampfhaft daran zu erinnern, was du noch unbedingt machen wolltest, bevor du das Haus verlässt. Du kommst jedoch nicht darauf und frühstückst erst einmal in Ruhe. Weitere 20 Minuten vergehen, du hast bereits deine Jacke an und schaust noch einmal im Bad vorbei. Dein Blick fällt in den Spiegel und gleichzeitig ist ‚er' wieder da … der Gedanke von vorhin, nämlich einen Werkstatt-Termin zu vereinbaren.
Der Gedanke an die Terminvereinbarung war mit dem Bad und Blick in den Spiegel gekoppelt. Die Umgebung ermöglichte, dass der Gedanke ganz leicht und wie von selbst wieder auftauchte.
Interessanterweise ist es nicht immer notwendig, real in den Raum zurückzukehren, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Es ist auch möglich, nur in der Vorstellung an den Ort zurückzukehren. Sich also mental die Szene in Erinnerung zu rufen, um an den Gedanken zu gelangen, der verloren schien.
NUTZEN FÜR LERNEN UND PRÜFUNGEN
Birkenbihl schlug vor, diesen Effekt gezielt zu nutzen, indem man beim Lernen stabile visuelle und situative Anker schafft, die man vor oder während der Prüfung wieder aktiviert. Typische Tricks sind z.B.: mit denselben Stiften zu schreiben, Lieblingsdüfte einzusetzen oder bestimmte Getränke mit einzelnen Themen zu verknüpfen. So kann die natürliche Arbeitsweise des Gehirns beim Lernen bewusst genutzt werden und dabei unterstützen, neue Inhalte nicht nur kognitiv, sondern auch sensorisch zu verankern und in Prüfungen leichter abrufen zu können.
Die gesamte Sensorik spielt dabei eine Rolle.
🔶 Wo befindet sich jemand beim Lernen?
🔶 In welcher Körperhaltung?
🔶 Was ist zu hören, zu sehen oder zu riechen?
🔶 Wie fühlt sich die Person beim Üben?
🔶 Was denkt sie über sich und den Stoff?
All das bildet die ‚Tapete' und rahmt die Lerninhalte in einem komplexen, neuronalen Netzwerk ein. Später, in der Prüfung, versucht das Gehirn diese ‚Tapete' wiederherzustellen, um leichter auf den Stoff zugreifen zu können.

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AUSSENBEDINGUNGEN BEWUSST MACHEN
Ein wichtiger erster Schritt im Coaching ist, die äußeren Lernbedingungen der Coachees sichtbar zu machen. Prägende Kontextbedingungen sind:
ORT
Wo wird gelernt? Am Schreibtisch, im Bett, in der Küche, Bibliothek oder in der Bahn? Drinnen in Ruhe oder mit Musik oder draußen mit Umgebungsgeräuschen?
KÖRPERGEFÜHL
Wie, in welcher Position wird gelernt? Im Sitzen, gechillt im Liegen oder beim Spazierengehen im Park? Auch die Kleidung spielt eine große Rolle.
MATERIALIEN
Welches Equipment kommt beim Lernen zum Einsatz? Einzelne Zettel, Block, Hefter, bestimmte Stifte oder digitale Geräte?
Für das finale Lernen vor einer Prüfung kann entscheidend sein, eine prüfungsähnliche Situation zu schaffen. Vor allem für Lernende, die zu Prüfungsangst neigen, kann der ‚Tapeten-Effekt' DEN Unterschied machen und das Sicherheitsgefühl erhöhen.
DER TAPETEN-EFFEKT IN PRÜFUNGEN
Anstatt halb liegend im Bett zu lernen, ist es günstiger für ein ähnliches Setting wie in der Prüfung zu sorgen. Einen übersichtlichen Arbeitsplatz schaffen, an dem nur die benötigten Materialien liegen. Zum Notieren genau den Stift oder die Stifte nutzen, die mit in die Prüfung genommen werden. Dafür gegebenenfalls Ersatzstifte besorgen!
Geht es um Präsentationen, dann empfiehlt es sich diese vorab im Stehen mindestens einmal vor Publikum zu präsentieren. So werden die Inhalte vorab mit in den Körper integriert. Darüber hinaus wird der Output, also das Aussprechen des Wissens, in sicherer Umgebung geprobt.
Zusätzlich z.B. einen Lieblingsduft in ein Duftlämpchen am Lernort bereitstellen. Dieser Duft kann auf einem Taschentuch mit in die Prüfung genommen werden.
Vielleicht schenkt auch ein Talisman oder Glücksbringer ergänzend Sicherheit. Diesen am besten vorher beschaffen und am Lernplatz sichtbar hinlegen und später mit in die Prüfung nehmen. Sportteams haben auch ihre Maskottchen, die mit auf der Tribüne sitzen.
Und um den ‚Tapeten-Effekt' abzurunden, bereits rechtzeitig überlegen, in welcher Kleidung sich ein sicheres Wohlfühlgefühl einstellt. Wenn diese Kleidung bereits vorab beim finalen Lernen getragen wird, kann dies dazu beitragen, den Lernstoff leichter abrufen zu können. Auch ein bestimmtes Schmuckstück kann als Anker dienen.
Für verschiedene Fächer, z.B. im Abi, könnten auch unterschiedliche Stifte, Düfte und Kleidungsstücke gewählt werden. Kleidung und Körperhaltung zeigen in Präsentationen und mündlichen Prüfungen ihre größte Wirkung.
BEISPIEL 1: TRINKFLASCHE
Eine Schülerin lernt zu Hause konsequent mit derselben pinkfarbenen Trinkflasche neben sich, die sofort ins Auge fällt. Zur Prüfung nimmt sie genau diese Flasche mit. Die Flasche wird damit zu einem visuellen Anker. Sobald sie sie vor sich sieht, erinnert sich ihr Gehirn an die Lernsituation und der Zugriff auf den Stoff fällt leichter.
BEISPIEL 2: VERTRAUTE MATERIALIEN
Ein Studierender schreibt in den Vorlesungen immer mit demselben Füller und in einem bestimmten Notizbuch. Er nutzt diese Materialien konsequent auch beim Lernen in der Bibliothek. In den Prüfungen verwendet er denselben Stift. So entsteht ein vertrautes Gefühl in der Hand, das den Lernkontext innerlich reaktivieren kann.
INNENBEDINGUNGEN GESTALTEN
Neben der äußeren Umgebung speichert das Gehirn auch den inneren Zustand mit:
Emotionale Verfassung: nervös, gelangweilt oder neugierig, zuversichtlich
Innere Dialoge: „Ich schaffe das nicht." versus „Ich gehe Schritt für Schritt vor!"
Körperzustand: Atmung, Muskelspannung, Herzschlag, Müdigkeit
Als Lerncoach kannst du hier mit kleinen, alltagstauglichen Interventionen ansetzen.
KLEINES BEISPIEL: MINI-RITUAL VOR JEDER LERNEINHEIT
Ein Coachee berichtet, dass er fast immer angespannt lernt, oft im Modus „Augen zu und durch". Gemeinsam kann ein kurzes Ritual entwickelt werden:
🔶 Drei bewusste Atemzüge vor dem Start
🔶 Ein kurzer Satz, zum Beispiel: „Ich lerne jetzt nur diesen Abschnitt."
🔶 Eine kleine körperliche Geste, etwa die Schultern lockern
Dieses Ritual wird konsequent vor jeder Lerneinheit genutzt. Nach einiger Zeit gehört dieser ruhigere Zustand zur „Tapete" des Lernens. In der Prüfung kann der Coachee dasselbe Ritual kurz vor Beginn anwenden, um den vertrauten Lernzustand zu aktivieren.
PRÜFUNGEN ALS KONTEXTWECHSEL ERKLÄREN
Birkenbihl beschreibt, dass das Gehirn beim Lernen immer den Kontext „mitlernt": Raum, Licht, Geräusche, Tageszeit, Stimmung, Körperspannung, innere Dialoge usw. Diese Kontexte werden zu Ankern, die später, z.B. in der Klausur, den Zugang zum gespeicherten Lernstoff erleichtern oder erschweren, je nachdem, wie ähnlich oder verschieden die Bedingungen sind.
Für viele Lernende ist es entlastend zu verstehen, dass Prüfungen oft einen massiven Kontextwechsel darstellen:
🔶 anderer Raum
🔶 andere Sitzordnung
🔶 andere Licht- und Geräuschverhältnisse
🔶 ungewohnte Aufsichtspersonen
🔶 erhöhte Anspannung
Der Tapeten-Effekt eröffnet hier einen hilfreichen Blick: Nicht nur der Lernstoff zählt, sondern auch die Bedingungen, unter denen er gespeichert wurde. Wenn diese Bedingungen in der Prüfung fehlen, sucht das Gehirn gewissermaßen nach seiner gewohnten „Tapete".
Im Coaching oder Unterricht lassen sich daraus zwei Strategien ableiten:
1. Elemente der Lernsituation in die Prüfung mitnehmen, zum Beispiel Stift, Flasche oder ein kurzes Ritual.
2. Die Lernsituation innerlich in die Prüfung holen, etwa über Erinnerung, Atmung oder einen inneren „Schnappschuss".

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INNEREN LERN-SCHNAPPSCHUSS TRAINIEREN
Um den gesamten Lernkontext einer Lerneinheit bewusst mit abzuspeichern, können Lernende einen kurzen inneren Schnappschuss machen:
🔶 den Raum und Lernort bewusst wahrnehmen
🔶 Licht und Geräusche registrieren
🔶 die eigene Sitzhaltung und Atmung spüren
🔶 innerlich festhalten: So war es, als ich dieses Thema gelernt habe
In der Prüfung kann dieser Schnappschuss kurz wieder aufgerufen werden, um den Zugang zum Gelernten zu erleichtern.
WIE DU DEN TAPETEN-EFFEKT IM COACHING ODER UNTERRICHT NUTZEN KANNST
Für Coaches, Lehrkräfte und Lernbegleiter eröffnet der Tapeten-Effekt spannende Möglichkeiten. Lass Lernende ihren typischen Lernkontext beschreiben: Wo, wann, wie lernen sie? Erarbeitet gemeinsam, welche äußeren und inneren Bedingungen förderlich sind, welche sich schon bewährt haben und welche eher blockieren.
Entwickelt gemeinsam kleine Rituale oder Anker, die sowohl im Lernen als auch vor Prüfungen genutzt werden können.
Betone, dass es nicht um Perfektion geht, sondern um bewusste, wiederkehrende Signale, die das Gehirn mit „Lernzeit" verknüpfen.
So lernen Schülerinnen, Schüler und Studierende nicht nur Inhalte, sondern auch, wie sie ihren Lernrahmen so gestalten, dass sie in Prüfungen leichter auf ihr Wissen zugreifen können.
Betone jedoch auch, dass dies nicht das Lernen, also das Aneignen des zu überprüfenden Wissens ersetzt! Gegebenenfalls benötigt es dafür eine weitere Coaching-Stunde, um zu schauen, was benötigt wird, um sich den Lernstoff leichter verstehen oder merken zu können.
FAZIT FÜR DIE LERNBEGLEITUNG
Der Tapeten-Effekt ist für Lerncoaches und andere Lernbegleiter:innen wertvoll, weil er Blackouts und Abrufprobleme verständlich macht (Psychoedukation).
Er stärkt die Selbstwirksamkeit, weil er zeigt: Lernkontexte sind nicht einfach nur gegeben, sondern in gewissem Rahmen gestaltbar.
So wird es möglich, nicht nur Inhalte zu vermitteln, sondern gleichzeitig förderliche Bedingungen für Lernen und Prüfung bewusst aufzubauen.
Der Tapeten-Effekt ist jedoch kein Wundermittel. Fehlen Verständnis oder wichtige Zusammenhänge, lässt sich Lernstoff nicht automatisch vollständig abrufen. Das bewusste Gestalten der eigenen „Tapete" kann jedoch Sicherheit vermitteln und Prüfungsstress reduzieren. Dadurch steigen die Chancen, einen klaren Kopf zu behalten und vorhandenes Wissen besser wiederzugeben.
PRÜFUNGSANGST? 3 WEITERBILDUNGSIDEEN DIE HELFEN
Zwei Formate der unteren Videokurse setzen auf der mentalen Ebene an und eignen sich für den Einsatz im Coaching oder der Lerntherapie. Damit kannst du Schüler:innen stärken, so dass sie zuversichtlicher auf die bevorstehende Herausforderungen schauen.
Das Lerncoach MASTER-Modul LERNCOACHING MEETS EMOTIONSCOACHING packt tiefer an und gibt dir ein wirkungsvolles Coaching-Tool an die Hand. Die Bilaterale Integrations-Technik eignet sich nicht nur bei Prüfungs- und Präsentationsangst, sondern bei sämtlichen Lernthemen wie Motivation, Prokrastination und anderen Lernblockaden…denn Emotionen und Glaubenssätze spielen im Lerncoaching, Kinder- und Jugendcoaching oder in der Lerntherapie immer eine Rolle.
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